Interview mit Markus Ridder und Gewinnspiel

Nachdem ich vor kurzem das Buch „Der Lethe Code“ gelesen habe, wollte ich unbedingt ein Interview mit Markus Ridder führen. Freundlicherweise hat er sich dazu bereit erklärt.

Kunterbunte Bücherreisen (KB): Hallo Markus, vielen Dank, dass Du Dich für ein Interview auf meinem Blog zur Verfügung stellst.

Ich bin ja immer wieder erstaunt, wie Du auf Deine Plots kommst. Die Sache mit dem Gedächtnisverlust fand ich direkt total spannend. Wie bist Du darauf gekommen bzw. wie kommst Du generell auf Deine Ideen für neue Bücher?

Markus Ridder (MR): Wo die Ideen herkommen, bleibt ein Mysterium. Ich kann nur sagen, welche Ideen ich suche: Das sind immer Situationen oder Ereignisse, die ein Geheimnis umgibt, wo man also erstmal sagen würde: Das kann nicht sein! Das gibt’s nicht! Und meine Leistung als Erzähler sehe ich dann darin, den Leser davon zu überzeugen, dass es eben doch sein kann. Meine Bücher sind also gewissermaßen Plädoyers für die Möglichkeit des Unmöglichen.

Im Fall von „Der Lethe-Code“ stand die Idee am Anfang, dass irgendein Typ ohne Erinnerung erwacht. Man sagt ihm, er habe aus eigenem Antrieb ein Medikament eingenommen, das sein Gedächtnis gelöscht hat. Er sieht sich sogar ein Video an, auf dem er selbst zu sehen ist und in dem er beteuert, dass er dieses Medikament aus freien Stücken einnehmen wird. Und das kann ja wohl nicht sein: Ein solches Medikament gibt es nicht! Und wieso sollte es jemand freiwillig schlucken? Unsinn! Wo kommen wir dahin?! Und mit dem Buch sage ich: Hey, warte einen Moment, könnte es nicht doch sein? Könnte es sich nicht so und so zugetragen haben …

KB: Paula aus „Der Lethe Code“ ist ja eine ziemlich kaputte Person. Wie bist Du darauf gekommen gerade sie zu erschaffen? Sie hätte ihre Rolle sicher auch weniger psychisch geschädigt ausfüllen können.

MR: Man muss Paulas schwierige Familiengeschichte berücksichtigen: Ihr Vater ist gar nicht ihr leiblicher Vater. Ihr echter Vater ist verschollen, als sie ein kleines Mädchen war. Zudem denkt Paula ständig, ihre Eltern verheimlichten ihr etwas. Sie hat das Gefühl, sie passt nicht in diese Familie, deren Werte sie nicht teilt. Das bleibt nicht ohne Folge für ihre Entwicklung und hat im Leben der jetzt jungen Erwachsenen toxische Spuren hinterlassen. Natürlich spiegelt sich all das in der Dramatik der Geschichte: Der Leser bzw. die Leserin kann ja nicht ausschließen, dass es gar kein Komplott rund um Paula gibt. Vielleicht bildet sie sich alles nur ein? Im Grunde sucht Paula zeitlebens nach ihrer Identität, das verbindet sie mit den meisten Figuren der Geschichte. Denn wer sein Gedächtnis verloren hat, stellt sich ja vor allem diese Frage: Wer bin ich?

KB: Als Leser:in hat man ja sehr oft Charaktere, die man besonders gern mag. Zumindest ist es bei mir so. Kannst Du das auch als Autor sagen und wenn ja, welche Figur aus „Der Lethe Code“  ist Dir am meisten ans Herz gewachsen und warum? Gibt es jemanden, den Du nicht so gerne magst?

MR: Paula ist schon eine Person, der ich beim Schreiben gerne gefolgt bin. Sie ist ja eine sehr moderne Frau, folgt ihrem eigenen Kompass. Sie macht, was sie für richtig hält, egal, was andere von ihr halten. Und sie kämpft ja nicht nur gegen äußere Feinde, sondern auch gegen ihre inneren Dämonen. Dass sie das alles letztlich schafft, nötigt mir schon Respekt ab.

KB: Du hast ja nun schon einige Bücher geschrieben. Gibt es eins Deiner Bücher, das für Dich der geheime Favorit ist? Kannst Du uns etwas mehr darüber erzählen, warum das so ist?

MR: Das ist schwer, weil natürlich das letzte Buch immer dasjenige ist, in das man aktuell so viel Herzblut reingesteckt hat. Für „Der Lethe-Code“ habe ich ja auch viel recherchiert: Zu Gedächtnis-Themen, zu verschiedenen Orten und Hintergründen in Thailand, zu Paulas psychischen Problemen. Dann ist Paula ja auch noch Tierpflegerin, kümmert sich um Schimpansen – dazu musste ich mir auch einiges draufschaufeln. Das Schreiben war insgesamt echt eine intensive Reise, deshalb ist es auch so ein wichtiges Buch für mich. Ansonsten hat natürlich mein erstes Buch einen hohen Stellenwert für mich: „Die Krabbe“. Und auch das Buch, mit dem ich bisher am erfolgreichsten war: „Das Messias-Projekt“.

KB: Mich hat schon immer mal interessiert, wie man als Autor die Namen der Figuren festlegt. Meine Vorstellung ist, dass man mit bestimmten Namen bestimmte Charaktereigenschaften verbindet und diese dann den Charakteren gibt. Wie ist das bei Dir?

MR: Ja, wahrscheinlich ist das so. Paula ist für mich beispielsweise ein Name, den eine freche, aufgeweckte, nonkonformistische Person hat. Wieso das so ist, weiß ich nicht. Ich kenne gar keine Paula. Ich grübele aber ganz viel über Namen nach und ich ändere sie im Nachhinein nur sehr ungern. Bei Tarek, einem der Protagonisten aus „Der Lethe-Code“, musste ich das tun, weil es da eine real existierende Person gibt, an den sich der Charakter anlehnt.

© Oliver Jung

KB: Wie bist Du denn eigentlich zum Schreiben gekommen? Bei mir ist es ja immer so, dass ich zwar Geschichten im Kopf habe, aber nicht in der Lage bin, sie aufzuschreiben. Ich bewundere jeden, der dazu in der Lage ist.

MR: Ich habe während des Studiums mal ein Praktikum bei der „Süddeutschen Zeitung“ gemacht und dabei festgestellt, dass mir das Recherchieren und Schreiben einigermaßen leichtfällt. Also habe ich mich nach dem Studium für den Journalismus entschieden. Dann ist Schreiben schon mal der Brotberuf. Aber ich wollte immer auch längere Texte verfassen und mir auch eigene Geschichten ausdenken. Also habe ich es dann einfach mal gemacht. Man muss sich Zeit nehmen für so ein Projekt, sonst klappt es nicht.

KB: Wie sieht Dein Schreiballtag aus? Und gehst Du eher strukturiert vor oder schreibst Du einfach erst mal drauf los?

MR: Ich versuche so eine Mischung aus Struktur und Spontaneität. Allerdings muss ich mich immer wieder dazu ermahnen, mehr an Struktur zu denken. Von meinem Wesen her bin ich nicht so der Typ, bei dem alles an seinem Platz liegt und so. Ich tue mich auch schwer mit festen Abläufen und beherrsche lieber das Chaos. Aber wenn man am Anfang einer Geschichte keine Lust aufs Plotten hat, muss man am Ende immer viel umschreiben – das mache ich auch nicht so gern.

KB: Liest Du privat auch nur Thriller oder auch andere Genres? Hast Du ein (oder mehrere) Lieblingsbücher, die Du uns empfehlen kannst?

MR: Ich lese privat auch Thriller, aber eigentlich so quer durch den Garten. Wenn man selber Thriller schreibt, kann man leider nicht mehr so gut darin versinken. Man fragt sich immer: Wie hat der Autor oder die Autorin das jetzt wieder gemacht? Was kann ich davon lernen? In letzter Zeit habe ich auch viele Sachbücher gelesen, gerade auch für das neue Buch. Gerne empfehle ich einige davon: Wer sich zum Beispiel für Schimpansen interessiert, dem seien die Bücher von Frans de Waal empfohlen, etwa „Der Affe in uns“. Man lernt auch sehr viel über die Menschen, wenn man sich mit Schimpansen oder Bonobos beschäftigt. Wer sich mit Hirnforschung auseinandersetzen will, gerne mit Jonah Lehrers Buch „Prousts Madeleine“ oder mit James Kingslands „Die Hirnforschung auf Buddhas Spuren“. Und wer ein Faible für durchgeknallte Frauen mit psychischen Problemen hat, sollte natürlich „Girl on the Train“ lesen, aber das kennen die meisten sicher.

KB: Wahrscheinlich hast Du auch schon wieder eine verrückte Idee für ein neues Buch. Möchtest Du schon mal irgendwas darüber verraten? Wird es überhaupt ein nächstes Buch geben?

MR: Ja, ich hoffe schon, dass es ein nächstes Buch geben wird. Meine Grundidee dazu ist gerade: Ein Typ verlässt vor zehn Jahren ganz plötzlich seine Wohnung und kommt jetzt ebenso plötzlich wieder in diese zurück. Weil er damals Knall auf Fall weggegangen ist, stehen noch die Teller und die Sachen vom letzten Frühstück auf dem Tisch. Natürlich ist mittlerweile alles verrottet, die Wohnung ist voll mit Käferleichen und ausgetrockneten Schmeißfliegen. Was zum Teufel hat der Typ vor? Warum ist er damals abgehauen? Und von wem fühlt er sich verfolgt?

KB: Hast Du schon mal darüber nachgedacht eine Serie zu schreiben? Ich bin ja bekennender Bücherreihenfreund und finde es immer schade, wenn man die Charaktere nach einem Buch wieder gehen lassen muss.

MR: Ja, habe ich. Es gibt sogar zwei Bücher von mir, die quasi eine Serie sind: „Der Blütenstaubmörder“ und „Das Eisenzimmer“. Vielleicht mache ich damit irgendwann nochmal weiter, aber ich habe jetzt halt gerade mal wieder andere Ideen.

Markus hat mir ein Buch zur Verlosung zur Verfügung gestellt. Der/die Gewinner:in darf sich aussuchen, ob es ein Papierbuch (auf Wunsch mit Widmung) sein soll oder ein E-Book.

So nimmst du am Gewinnspiel teil:

Um am Gewinnspiel teilnehmen zu können, musst du eine Frage über das Kontakformular auf dem Blog beantworten. Die dort angegebene Mailadresse nutze ich um dich im Falle des Gewinnes zu benachrichtigen. Die Daten werden nur für das Gewinnspiel genutzt und nicht Dritte weiter gegeben. Es ist nur ein Kommentar pro Person erlaubt.

Die Frage lautet: Welches Land spielt eine große Rolle in „Der Lethe-Code“?

Das Gewinnspiel läuft bis zum 1. August 2021 um 0:00 Uhr. Der/die Gewinner:in wird von mir per Mail benachrichtigt.

Unter allen Einsendungen werde ich anschließend per Random.org den/die Gewinner:in ermitteln. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Die Leseprobe findet ihr hier und ihr könnt euch natürlch auch gerne auf der Homepage des Autors umsehen.

Feiertag fürs Buch – DIY

Ich zeige Dir, wie Du Deine individuelle Buchhülle nähst. © Pattydoo

Wie ihr vielleicht wisst, ist heute der Welttag des Buches, also unser Feiertag! Da trifft es sich gut, dass dieser Tag auf einen Freitag fällt, denn ich habe heute etwas besonderes für Euch: Wir werden zusammen eine Buchhülle nähen, die Ihr Euch ganz individuell gestalten könnt. Das Schnittmuster bekommt Ihr bei Pattydoo. Die Erklärung wie es geht, findet Ihr hier:

mit freundlicher Genehmigung von Pattydoo.de

Dieses DIY ist aber nicht die einzige Überraschung heute, denn Heike von Frau Goethe liest und Manuela von Lesenswertes aus dem Bücherhaus haben sich im Rahmen von #2Blogs1Buch noch mehr ausgedacht. Am besten geht Ihr direkt mal in der Facebook Gruppe gucken oder Ihr besucht einen der beiden Blogs oder sogar beide.

Der Welttag des Buches heißt eigentlich „Welttag des Buches und des Urheberrechts“ und wurde von der UNESCO im Jahr 1995 das erste Mal eingerichtet. Er findet immer am 23. April statt und gilt als Aktionstag fürs Lesen, für Bücher, für Kultur des geschriebenen Wortes und für die Rechte ihrer Autoren.

Zum Welttag des Buches kommt jährlich ein Titel im Rahmen der Initiative „Ich schenk dir eine Geschichte“ heraus, den Lesebegeisterte sich als Geschenkbuch mit entsprechendem Gutschein bei teilnehmenden Buchhandlungen abholen können. Ziel ist es, Kinder zum Lesen zu begeistern und ihre Lesekompetenz zu stärken.

Ich wünsche Euch jetzt viel Spaß beim Nähen und würde mich freuen, Eure Werke zu sehen.

Programm für den 23. April 2021:

13.00 Uhr – Podcast Buchgeplauder mit Heike und Manuela

14.30 Uhr – DIY Buchhülle mit Nadine

16.00 Uhr – Buchvorstellung Verlorene Engel

19.30 Uhr – Krimidinner Mord in Richman Hall

Was war los im März 2021?

Hallo ihr Lieben,

ich bin gerade dabei mir einige Dinge für den Blog einfallen zu lassen. Dabei fiel mir ein, dass es vielleicht ganz hilfreich wäre eine Minizusammenfassung der Beiträge eines Monats zu sehen. Also habe ich einfach mal etwas rumprobiert und bin ganz zufrieden mit dem Ergebnis. Wahrscheinlich werde ich noch das ein oder andere verändern, aber für den ersten Versuch bin ich ganz zufrieden.

Was meint ihr?

Ihr könnt natürlich auch jederzeit im Wegweiser nachsehen, welche Beiträge ich seit Beginn des Blogs veröffentlicht habe.

Ich wünsche Euch noch einen entspannten Ostermontag 🙂

Nadine

Bookblogger support locals – Interview mit dem Inhaber der Buchhandlung Musial in Recklinghausen

Karin von Lesestrickeule hat eine tolle Aktion ins Leben gerufen und zwar „Bookblogger support locals“. Wie der Name schon sagt, wollen wir die Buchhändler vor Ort stärken und ein wenig Werbung machen, damit wieder mehr Leute statt beim bösen A*** lieber beim kleinen Buchhändler nebenan einkaufen. Da ich überwiegend E-Books lese, habe ich meinen favorisierten Buchhändler erst vor kurzem gefunden. Er hat sich bereit erklärt mir einige Fragen zu beantworten.

Die Buchhandlung Musial gibt es bereits seit 1990 und wurde von der Mutter des aktuellen Inhabers eröffnet. Sie befindet sich in der Heilige-Geist-Str. 3, also mitten in der Innenstadt von Recklinghausen. Ich mag nicht nur gerne, dass hier auf Nachhaltigkeit und Umweltschutz geachtet wird (den ersten umweltfreundlichen Kassenbon habe ich tatsächlich hier erhalten), sondern auch, dass man Bücher per Mail bestellen kann und meistens am nächsten Tag im Laden abholen kann oder sogar geliefert bekommt, natürlich mit dem Rad.

Buchhandlung Musial

Kunterbunte Bücherreisen (KB): Hallo Herr Musial. Erst einmal vielen Dank, dass Sie sich für das Interview zur Verfügung stellen.

Im letzten Frühjahr hat uns alle Corona ziemlich überrascht. Konnten Sie feststellen, dass wieder mehr Menschen Bücher lesen oder hat sich das bei Ihnen nicht wirklich bemerkbar gemacht? Ich hoffe ja sehr, dass wieder mehr Menschen zum besten Hobby der Welt finden.

Patrick Musial (PM): Zunächst einmal vielen Dank für die lobenden Worte, es freut mich, dass auch unser Bestreben für Nachhaltigkeit nicht nur im privaten, sondern auch im geschäftlichen Bereich wahrgenommen wird.

Ja, wir haben schon deutlich gespürt, dass für die Menschen viele andere Freizeitaktivitäten und Kulturangebote weggefallen sind. Diese Lücken konnten dann unter anderem mit dem Lesen gefüllt werden. Besonders deutlich war das bei Kindern und Jugendlichen zu spüren. Für diejenigen, die eh schon viel und gern gelesen haben, war das eine Gelegenheit, noch mehr Zeit mit Büchern zu verbringen, andere haben das Lesen wieder- oder neuentdeckt, auch Erwachsene. Ein besonderes Phänomen war die Nachfrage nach Klassikern – wer immer schon mal „Krieg und Frieden“ oder „Moby Dick“ lesen wollte, hatte nun Zeit dafür. Andere hatten und haben das Bedürfnis, durch das Eintauchen in Geschichten für eine Zeit den teilweise belastenden Alltag eine Weile ausklammern zu können. Auch das ist ja mit Büchern möglich, zur Ruhe zu kommen und sich auch einmal mit anderen Themen zu beschäftigen, als mit denen, die uns in den letzten zwölf Monaten unentwegt beschäftigt haben.

KB: Ich selber lese meist E-Books, weil ich auch unterwegs die Möglichkeit haben möchte ohne große Schlepperei zu lesen. Dazu kommt, dass ich sehr oft dicke Bücher lese, die man nicht einfach so im Handtäschchen mit sich rum tragen kann. Haben Sie bei Ihrer Kundschaft bemerkt, ob im Laufe der Zeit vermehrt E-Books gelesen werden oder kaufen Ihre Kunden nachwievor lieber Papierbücher?

PM:  Tatsächlich lese auch ich sehr gern E-Books, eben weil es unterwegs praktisch ist und ich zudem die Schriftgröße verändern kann, zudem erhalten wir viele Vorab-Exemplare (Leseexemplare) vor dem Erscheinen in elektronischer Form. Vor fünfzehn Jahren gab es Prognosen, dass im Jahr 2020 etwa 50% der Bücher als E-Books gelesen werden würden. Das ist so nicht eingetroffen, der Marktanteil betrug auch 2020 – in diesem besonderen Jahr – nur ca. 5,9%. Es ist nicht gelungen, durch E-Reader neue Leserinnen und Leser zu gewinnen – der Reader wird eher von Viel-Leserinnen und Viel-Lesern genutzt. Viele Bücher werden als Präsent erworben und E-Books lassen sich nicht gut verschenken. Und ein wirklich schönes, gut gestaltetes gedrucktes Buch in der Hand zu halten ist ja auch ein haptisches Vergnügen. Die in Deutschland angebotenen Bücher zeichnen sich durchweg durch eine hervorragende Herstellungsqualität aus – hier hat das E-Book einen positiven Effekt, denn in der Konkurrenz muss sich das physische Buch behaupten können.  Viele Entscheidungen für ein bestimmtes Buch finden tatsächlich auch spontan in der Buchhandlung statt, da lässt man sich gern inspirieren, nimmt ein Buch in die Hand, fühlt vielleicht die Prägung auf dem Einband, liest ein paar Seiten, empfindet das Schriftbild als angenehm – all das lässt sich in elektronischer Form so nicht erleben. Daher bin ich nicht bang vor dem E-Book – das ist eine tolle Ergänzung, wird aber das gedruckte Buch so schnell nicht verdrängen.

KB: Gerade bei einer kleinen Buchhandlung wie Ihrer muss man ja genau auswählen, welche Bücher man als Verkaufsware auslegt. Wie entscheiden sie denn, welche Bücher im Laden liegen dürfen?

PM: Man nennt unsere Art des Handels mit Büchern auch den „Sortimentsbuchhandel“, da steckt das Wort „sortieren“ drin. Wir wählen also aus der Vielzahl an Neuerscheinungen aus und stellen ein Sortiment zusammen.  Das ist ein langer und sehr sorgfältiger Prozess, in dem wir die Verlagsprogramme sichten, das im Team diskutieren, unsere Erfahrungen nach dem Lesen der Lese-Exemplare austauschen und natürlich auch im Dialog mit Vertreterinnen und Vertretern ausgesuchter Verlage stehen, die die Buchhandlung lange kennen und uns wertvolle Hinweise geben. Die raten auch durchaus mal ab von einem Titel. Eines meiner Kriterien ist: Fällt mir für dieses oder jenes Buch sofort jemand ein, der oder dem ich es empfehlen kann? Wir kennen viele der Menschen, die zu uns kommen, schon sehr lang und wissen, welches Buch zu wem passt. Hat man beim Lesen sofort eine Idee dazu, dann ist das ein gutes Zeichen. Und dann reagieren wir natürlich auch kurzfristig, manchmal gerät etwas in den Fokus, das wir nicht im Blick hatten – bei etwa 90.000 Neuerscheinungen ist das ja auch nicht zu 100% möglich. Dank der tollen Logistik im Buchhandel können wir da aber schnell handeln. Und wir lassen uns auch gern von Kundinnen und Kunden etwas empfehlen.

KB: Als ich das erste Mal bei Ihnen ein Buch vorbestellt habe, hat es mich total beeindruckt, dass sie gerne eine meiner Lieblingsautorinnen lesen und den Aufkleber vom Buch geknibbelt haben, denn Aufkleber auf Büchern kann ich überhaupt nicht leiden. Dass Sie Ulrike Renk mögen, habe ich also schon heraus gefunden. Welche Genres mögen Sie denn noch? Und welche Autoren können Sie empfehlen? Können Sie ein Buch als absoluten Geheimtipp empfehlen?

PM: Ulrike Renk hat uns tatsächlich eine Leserin empfohlen. Ich gebe gern zu, dass mich da die Cover nicht so ansprechen – und dann kam jemand und sagte: „Probieren Sie das mal, ist wirklich gut!“. Und beim Lesen der ersten Seiten von „Jahr der Schwalben“ hat es mich sofort in die Geschichte gezogen. Das ist sehr gut erzählte Unterhaltungsliteratur, und ich meine „Unterhaltungsliteratur“ in keiner Weise abwertend, was spricht dagegen? Das kann ich guten Gewissens empfehlen. Tatsächlich bin ich, was Genres angeht, nicht festgelegt. Ich schaue auch bei Vorabexemplaren nie auf den Klappentext, sondern beginne zu lesen und schaue, was da passiert. Das können Romane sein, auch solche, die durchaus konzentriertes Lesen erfordern, oder auch tolle Sachbücher, selbst zu Themen, zu denen ich sonst wenig Bezug habe. Ein Geheimtipp sind für mich die Kriminalromane von Thomas Mullen, die im Atlanta der 1950er Jahre spielen, Autorinnen und Autoren von denen ich alles lese, sind Alex Capus, Annie Ernaux und Iris Wolff. Ein toller Tipp, den ich von Antje Deistler bekommen habe, war „Marzahn mon Amour“ von Katja Oskamp. Die Entdeckung des letzten Jahres war für mich „Offene See“ von Benjamin Myers – aus meiner Sicht ein perfekter Roman, auch dank der guten Übersetzung. Hach, ich könnte jetzt noch sehr, sehr viele Titel nennen, es ist wirklich ein großes Glück, von so vielen tollen Büchern umgeben zu sein.

Verkaufsraum Buchhandlung Musial

KB: Während des Lockdowns gehörten Sie ja zu den Läden, die nicht öffnen durften. Ich fand es toll, dass Sie sich relativ schnell Alternativen überlegt haben um trotz allem für Ihre Kunden da zu sein. Nicht nur die Auslieferung nach Hause fällt mir da ein, sondern auch noch Idee mit der Stöbertasche. Möchten Sie uns erzählen, was die Idee dahinter ist und wie es abläuft? Wird die Aktion trotz Öffnung weiter laufen?

PM: Wir hatten die ganze Zeit durchgängig geöffnet, wenn auch phasenweise hinter geschlossenen Türen. Wir haben seit Anfang Februar 2020 das Infektionsgeschehen im Blick behalten und schon sehr früh vor dem ersten Lockdown intensiv kommuniziert, dass wir weiter aktiv bleiben und selbstverständlich auch nach Hause liefern, mit unserem Transport-E-Bike, mit dem wir bis zu 100 Kilo Bücher bewegen können.

Patrick Musial mit seinem E-Bike
Patrick Musial © André Chrost

Da wir ja unabhängig sind, sind wir flexibel und können auch mal spontan eine Idee umsetzen, wie die Stöbertasche. Die Menschen haben es während des langen Lockdowns sehr vermisst, bei uns im Laden zu stöbern und auch mal ein Buch in die Hand zu nehmen und zu blättern. Wir haben uns wiederum sehr konsequent an alle Regeln gehalten und den Wunsch, den Laden zu betreten, nicht erfüllen können und zugleich war es uns unangenehm, Menschen an der Tür „abweisen“ zu müssen.

So entstand dann spontan die Idee der Stöbertasche. Wir haben Bücher ausgewählt, diese in eine Stofftasche gepackt, welche dann kontaktlos bei uns abgeholt werden konnte. Die Leserinnen und Leser konnten sich dann bei gutem Wetter irgendwo in unserer sehr schönen Altstadt einen sonnigen Ort suchen und dort in Ruhe die Bücher in Augenschein nehmen und auch mal ein paar Seiten lesen. Die Rückgabe erfolgte ebenfalls kontaktlos, minus der eventuell ausgesuchten Bücher, für die wir dann eine Rechnung per Mail geschickt haben. Das war ein pandemiekonformer Weg, das Stöbern möglich zu machen und ist gut angekommen.

Wir behalten dies auch jetzt bei geöffneten Türen bei, zumal wir die Idee erweitern werden und prominente Buchmenschen eingeladen haben, eine solche Stöbertasche zu kuratieren. Jo Lendle, der Verleger des Hanser Verlages, ist der erste, dessen persönliche Empfehlungen wir auf diese Art präsentieren.

KB: Sie bieten ja noch andere Aktionen an, sofern keine Corona-Einschränkungen bestehen. Ich habe selber eben erst entdeckt, dass es auch so etwas wie „Dinner in der Buchhandlung“ gibt und eine Stöberstunde. Bitten erzählen Sie uns doch mehr darüber.

PM: Auch die Idee des Dinners in der Buchhandlung entstand spontan. Im Gewölbekeller unter unserer Buchhandlung gibt es ein tolles Restaurant, die „17achtzig Foodbar“. Bei denen gab es 2018 eine Anfrage für eine Weihnachtsfeier von Menschen, die bei uns auch Bücher kaufen. Im Restaurant war der Termin nicht mehr frei, also hatten wir alle gemeinsam die Idee, dass die Weihnachtsfeier ja auch bei uns in der Buchhandlung stattfinden könnte. Und so wurde dann eine lange Tafel für über 20 Gäste eingerichtet. Seitdem gibt es die Möglichkeit, statt im Restaurant im Gewölbe auch eine Etage höher einen Tisch zu reservieren oder die Buchhandlung für eine private Feier zu buchen. In der Pandemie war das natürlich auch eine tolle Möglichkeit für das Restaurant, die Platzkapazitäten zu erweitern, da hatten wir fast jeden Abend Buchungen.

Selbstverständlich bieten wir auch die Möglichkeiten des „personal shopping“, wer mag kann vor oder nach Ladenöffnung die Buchhandlung für sich allein besuchen und in Ruhe schauen und auswählen. Wir halten uns dann im Hintergrund und verschwinden ins Büro, stehen aber natürlich auch gerne für eine Beratung zu Verfügung.

Auch kleine Gruppen haben bei uns die Möglichkeit zum „Buchgenuss nach Ladenschluss“.

Innenraum Buchhandlung Musial

KB: Mein Mann mag gerne ausgefallene Bücher, z. B. von H.P. Lovecraft, Clark Ashton Smith oder extreme Horrorliteratur, wie z. B. aus dem Festa-Verlag. Er hatte öfter das
Gefühl, dass der Buchhandel vor Ort nicht gewillt war  bestimmte ausgefallene Bücher (wenn auch Klassiker z. B. Marquis de Sade) oder aber Bücher von Aleister Crowley oder Anton LaVey zu bestellen. Ist dies eine subjektive Sicht oder zeigt Ihnen Ihre Erfahrung ebenfalls, dass dies bei anderen Buchhandlungen so ist?

PM: Wenn es in einer Buchhandlung eine Abwehrhaltung gegenüber bestimmten Genres gibt, so kann ich das nicht nachvollziehen. Das einzige, was bei uns nicht in die Papiertüte kommt, sind Bücher „rechts außerhalb des demokratischen Spektrums“.

Ein gewisses Verständnis habe ich, wenn es sich um Verlage handelt, die Ihre Konditionen so gestalten, dass wir mit das Buch nicht kostendeckend anbieten können. Aufgrund der Buchpreisbindung dürfen wir nur den vom Verlag festgesetzten Preis nehmen – und wenn Einkaufspreis plus Porto darüber liegen, ist das schon unangenehm. Ich kann aber versprechen, dass wir jeden Einzelfall anschauen und gern alles möglich machen, was möglich ist – mir macht es durchaus Spaß, auch „schwierige Fälle“ zu lösen, das sehe ich auch als unsere Aufgabe an.

KB: Noch eine letzte Frage: Sind Sie Buchmessengänger? Oder ist dies mehr oder weniger ein Muss für Buchhändler um sich auf dem Laufenden zu halten oder Kontakte zu knüpfen (oder um einfach Spaß zu haben ;-))?

PM: Oh ja, ich gehe gerne auf Buchmessen! Den Austausch mit Kolleginnen und Kollegen aus allen Bereichen der Branche empfinde ich immer als große Bereicherung – und die Messen sind da eine tolle Gelegenheit. Häufig bin ich dort auch selbst aktiv, in Gremien oder als Referent. Eine tolle Erfahrung war eine Podiumsdiskussion mit Buchhänderinnen aus den USA, Großbritannien und Frankreich, bei der ich den unabhängigen Buchhandel in Deutschland vertreten durfte.

Auch wenn wir auf der Messe nicht wirklich Einkaufsgespräche mit den Verlagen führen – sie sind ein guter Ort, um Neues zu entdecken und Inspiration zu finden.

Ich freue mich sehr darauf, wieder eine Messe zu besuchen. Und wir sind sehr glücklich, nun wieder Gäste in der Buchhandlung begrüßen zu dürfen. Dass Bücher nun zu den „Gütern des täglichen Bedarfs“ zählen und wir in NRW zumindest von weiteren Schließungen nicht mehr betroffen sein werden, ist ein Privileg, mit dem wir sehr verantwortungsvoll umgehen werden.

Diese Buchhandlung ist ein Ort der Begegnung, der nicht allein durch Bücher, sondern vor allem durch die Menschen, die zu uns kommen, lebendig wird.

Wenn ihr in Recklinghausen und Umgebung wohnt oder mal dort unterwegs seid, guckt auf jeden Fall mal bei der Buchhandlung Musial vorbei. Es ist nicht nur total gemütlich dort, sondern Personal und Inhaber sind sehr nett und hilfsbereit.

Hier noch mal alle wichtigen Infos:

Buchhandlung Musial

Heilige-Geist-Str. 3

45657 Recklinghausen

www.buchhandlung-recklinghausen.de

Öffnungszeiten: Montag bis Samstag 10 bis 18 Uhr

Folgende Blogs haben ebenfalls an der Aktion teilgenommen:

Lesestrickeule

VeraLitera

LESEND_DURCHS_LEBEN

Daniela Schneiderheinze

Leipziger Mama

Frau Goehte liest

Recensio Online

Duchess of marvellous books

Lilis Lesemomente

Wie die Ruhe vor dem Sturm (Chances # 1) – Brittainy C. Cherry

Er war er, ich war ich und wir waren wir.

Sprecher: Yesim Meisheit, Nicolás Artajo

Verlag: LYX  

Erscheinungsdatum: 29. Juni 2020

Dauer: 631 Minuten

ISBN: 978-3-96635-071-6

Die Autorin (Verlag):

Brittainy C. Cherrys erste große Liebe war die Literatur. Sie hat einen Abschluss der Carroll Universität in Schauspiel und Creative Writing und schreibt hauptberuflich Theaterstücke und Romane. Sie lebt mit ihrer Familie in Milwaukee, Wisconsin.

Klappentext (Verlag):

Als ich meine neue Stelle als Nanny einer reichen Familie antrat, konnte ich nicht ahnen, dass es Greyson Easts Kinder waren, die ich betreuen würde. Und auch nicht, dass der Junge, den ich einmal geliebt hatte, zum Mann geworden war – ein eiskalter, einsamer, unnahbarer Mann. Alles an Grey war in Schmerz versunken. Doch ab und zu sah ich den Jungen von damals in seinen sturmgrauen Augen – und ich wusste, dass es sich um ihn zu kämpfen lohnte.

Meine Meinung:

Ich weiß gar nicht, was mit geritten habe, als ich bei Netgalley diesen Roman als Rezensionsexemplar angefordert habe. Ich mag weder Klischee-Liebesromane, noch fand ich das Cover oder den Klappentext besonders ansprechend. Und vom Namen der Autorin rede ich gar nicht erst. Vorab kann ich euch aber sagen, dass ich mich unsterblich sowohl in das Buch als auch in die Figuren verliebt habe.

Die Geschichte beginnt wie viele Lovestorys: Das unscheinbare Mädchen mit den Libellen-Häkeljacken wird plötzlich von dem Superstar der Schule wahrgenommen und sie verlieben sich ineinander. Jahre später treffen sie sich wieder, er ist verbittert, sie immer noch Single und was passiert dann? Lest oder hört es einfach selber 😉

Nach ein paar Sätzen war es passiert: Ich hatte schon alle Stadien des mitfiebernden Hörens hinter mir. Gänsehaut, Tränchen in den Augen und gelacht hatte ich auch schon. Aber wie kommt das? Ich kann es nur so beschreiben, dass die Autorin unendlich liebevoll schreibt. Die Figuren, die sie entworfen hat, sind einfach so dargestellt, dass sie genau das in einem hervorrufen, was die Autorin im Sinn hatte. In meiner Jugend habe ich sehr viele Liebesromane gelesen, aber kaum einer hat mein Herz so sehr berührt wie der erste Teil der Geschichte um Ellie und Gray.

Die Sprecher sind perfekt für das Buch. Yesim Meisheit liest mit Herz und Seele und ich habe ihr jedes einzelne Wort abgenommen. Nicolás Artajo liest etwas gemäßigter, aber seine Rolle im Buch ist auch entsprechend. Ich kannte vorher beide nicht und bin froh, dass ich mit dem Hörbuch versucht habe.

Der zweite Teil der Reihe mit dem Titel „Wie die Stille vor dem Fall. Erstes Buch“ (es wird zwei geben), erscheint leider erst am 27. November 2020. Ich werde es wahrscheinlich direkt entweder hören oder lesen. Von mir gibt es eine unbedingte Leseempfehlung.

Auf der Seite des Verlages könnt ihr euch die Hörprobe anhören.

Das Buch wurde mir von Netgalley und vom LYX-Verlag zur Verfügung gestellt. Dies hat meine Meinung nicht beeinflusst.

Review of the Month – Juni 2020

RoXXie von The Art of Reading hat sich eine tolle Aktion ausgedacht.

Jeder, der dabei mitmachen möchte, erstellt einen Beitrag mit seiner Rezension des vergangenen Monats und verlinkt diesen auf ihren Blog. Die Idee finde ich toll um such gegenseitig zu vernetzen.

Bei mir ist es leicht, denn ich habe erst im Juni angefangen und muss nicht überlegen, welchen Monat mein Beitrag betrifft.

Meine Rezension und damit auch das Buch des Monats ist „Offene See“ von Benjamin Myers. Guckt mal rein und sagt mir, ob euch das Buch auch so gut gefallen hat oder ob ihr aufgrund der Rezension neugierig auf das Buch geworden seid oder es euch vielleicht direkt gekauft habt.

Um weitere Rewiews of the Month zu lesen, könnt ihr einfach RoXXie besuchen und unter dem entsprechenden Beitrag den Links in den Kommentaren folgen. Viel Spaß beim Rezensionen lesen 🙂