Die Auswirkungen von Abweisung

„Unter ihren Augen“ von Dorit David ist, wenn man es genau betrachtet, eigentlich gar kein Buch für mich. Ich habe es in einer Leserunde bei der Büchereule gelesen und es hat mir, obwohl ich die Charaktere nicht besonders sympathisch fand, wirklich gut gefallen.

Lieselotte (oder Lotte, wie sie von ihren Freunden genannt wird) ist Schülerin der Gymnastikschule Habenicht und stellt irgendwann fest, dass sie in ihre Lehrerin Berta Habenicht, die auch die Inhaberin der Schule ist, verliebt ist. Als sie ihr ihre Liebe gesteht, weist Berta Lotte ab und das Drama beginnt, denn es wird ein immer währender Kampf, den Lotte und Berta gegeneinander führen.

Drama deswegen, weil ich eigentlich diese Art von Verhalten gar nicht nachvollziehen kann und auch gar nicht mag. Interessant zu wissen ist hier, dass der Inhalt auf einer wahren Begebenheit beruht. Das Buch ist gespickt von Intrigen, Neid, Hass (ich glaube, so kann man es nennen) und vor allem vom Nicht-Miteinander-Reden. Die Figuren überlegen sich, was das Gegenüber vielleicht denken könnte und handeln dann dementsprechend, wie es im realen Leben auch sehr oft ist. Das macht das Buch sehr authentisch und auch spannend zu lesen, denn man weiß nie, was als nächstes passiert. Ich muss zugeben, dass ich oft weder Lotte noch Berta in ihren Handlungen so recht verstanden habe.

Ein wichtiges Thema ist für mich in dem Zusammenhang die Homosexualität. Ich habe bisher noch nie ein Buch gelesen, in dem Frauen Frauen lieben bzw. Männer Männer lieben. Es hat sich einfach nicht ergeben. Da das Buch Anfang der 1920er Jahre spielt, ist es hier natürlich ein sehr heikles Thema, über das Lotte gar nicht gern spricht und es sogar als Krankheit ansieht. Berta dagegen lebt mehr oder weniger heimlich mit ihrer Freundin zusammen. Für mich war es interessant zu erfahren, wie die Frauen damals mit ihrer Neigung umgegangen sind und welche Möglichkeiten es trotz der Umstände gab.

Gymnastik und Tanzen sind nicht gerade meine Steckenpferde, aber die Autorin hat es sehr gut verstanden, die einzelnen Unterrichtsstunden anschaulich zu beschreiben, so dass sogar ich es mir richtig gut gefallen hat. Besonders gern mochte ich den Improvisationstanz, den Lotte später auch unterrichtet.

Wenn euch die Rumzickerei und die Intrigen im Buch nicht stören, kann ich euch das Buch wärmstens ans Herz legen. Mir hat es als Gesamtbild sehr gut gefallen, vor allem der Schreibstil der Autorin.

Eine Leseprobe könnt ihr auf der Seite des Querverlags finden.

Infos zum Buch *Werbung*

Seiten: 416

Herausgeber: Querverlag

Erscheinungsdatum: 11. März 2020

ISBN: 978-3896562852

Preis: 18,00 € (Taschenbuch), 9,99 € (E-Book)

Aberglaube im Italien der 1960er

Fluch der Saline von Anna Castronovo

Ich habe das Buch bei einer Verlosung gewonnen und war total gespannt, weil ich die Autorin noch nicht kannte und mir der Klappentext gut gefallen hat.

Totò ist 11 Jahre alt als sein Vater eine Saline kauft. Es ist das Jahr 1965 und die Menschen in der Stadt Trapani sind nicht nur sehr gläubig, sondern auch abergläubisch. Sie glauben, dass die Saline verflucht ist. Es deutet auch alles drauf hin, als erst Totòs Mutter stirbt und dann der Vater eine seltsame Art Wahnsinn an den Tag legt. „Der Fluch der Saline“ von Anna Castronovo erzählt von jenen Tagen, in denen Totò das wahre Ausmaß dieses Fluches erlebt.

Ich bin sehr schwer in die Geschichte rein gekommen, was aber vermutlich daran liegt, dass ich nicht besonders viele Berührungspunkte mit Italien habe und es mich auch nicht besonders anzieht. Die Autorin streut einige italienische Begriffe und Redewendungen ein, die mich zwar nach Italien versetzt haben, aber mir nicht das Gefühl gegeben haben, richtig in der der Geschichte zu sein. Ich weiß nicht, ob die Menschen im Jahr 1968 noch so abergläubisch waren, wie es im Buch dargestellt wurde. Für mich klingt es eher mittelalterlich, aber ich habe mich auch mit dem Italien in dieser Zeit noch nie auseinander gesetzt. Insgesamt fand ich, dass die Geschichte zu oberflächlich erzählt wurde. Das Buch umfasst gut 250 Seiten und ich denke, dass etwas mehr Tiefe dem Buch gut getan hätte. Ich war nicht richtig am Geschehen dran. Das finde ich eigentlich sehr schade, denn die Handlung fand ich richtig gut.

Die Verstrickungen im Buch waren logisch und nachvollziehbar, aber nicht besonders überraschend. Gut gefallen hat mir der Schreibstil. Wäre dieser noch – wie weiter oben erwähnt – auf ein paar mehr Details eingegangen, vielleicht auf welche, die einem als Autor nicht erwähnenswert vorkommen, hätte es mir mit Sicherheit noch besser gefallen. Es hat mir ein Drumherumgespinne um die Personen gefehlt, etwas, das das typische der Person ausmacht und den Leser denjenigen lieb gewinnen lässt.

Leider kann ich das Buch nur bedingt weiter empfehlen. Wenn euch die von mir genannten Kritikpunkte nicht stören, wird es ein schönes Leseerlebnis für euch sein.

Infos über das Buch *Werbung*

Seiten: 252

Herausgeber: BoD – Books on Demand

Erscheinungsdatum: 26. September 2020

ISBN: 978-3751938235

Preis: 10,99 € (Taschenbuch), 4,99 € (E-Book)

Eine Leseprobe und weitere Infos über das Buch könnt ihr auf der Homepage der Autorin finden.

Brown Babies

Ich bin völlig unvoreingenommen an „Stay away from Gretchen“ von Susanne Abel gegangen und war völlig überwältigt, weil das Buch in mir so viele Gefühle ausgelöst hat. Es geht hier nicht nur um eine Lovestory, die einem das Herz zerreißt, sondern um einiges mehr.

Greta und ihr Sohn Tom leben in Köln, Tom ist Nachrichtenmoderator und hat eigentlich gar nicht viel Zeit für seine 84jährige Mutter. Doch eines Tages wird ihm klar: Seine Mam hat Demenz. Anfangs äußert es sich gar nicht so offensichtlich, aber nach und nach kommt zutage, was in Gretas Kopf so los ist. Tom merkt, dass Greta ihm seine Halbschwester Marie verschwiegen hat.

Susanne Abel ist da ein ganz tolles Buch gelungen. Zu Beginn des Buches, in der Zeit, die wir Deutschen lieber vergessen möchten, befindet sich Deutschland im Nazirausch. Greta ist total dabei und ruft Parolen, marschiert mit und wünscht sich nichts lieber als den Führer kennen zu lernen und ihm zu dienen. Das hat mich schon mal völlig umgehauen. Ich habe zwar schon viele Bücher, die in der Zeit spielen, gelesen, aber noch nie wirklich diesen Enthusiasmus transportiert bekommen. Als Greta den GI Bobby kennen lernt, wird das Buch von Liebe durchflutet, anders kann ich es nicht beschreiben. Es war einfach so liebevoll geschrieben, dass ich auch ein wenig in Bobby verliebt war und jede einzelne Sekunde mitgefühlt habe. Alle weiteren Begebenheiten haben ich weinen, fluchen oder auch grinsen lassen.

Die zwei Zeitebenen nehmen ungefähr gleich viel Raum ein, wobei mir die Vergangenheit ein wenig besser gefallen hat. Ich fand Tom anfangs ziemlich oberflächlich und egoistisch, aber auch er hat sich, wie alle anderen Charaktere, im Laufe des Buches weiter entwickelt.

Eins der für mich wichtigsten Inhalte des Buches ist der Brown Baby Plan. Die Journalistin Mabel Grammer hat diesen Plan ins Leben gerufen um die „Brown Babies“ in die USA zu bringen und dort von afroamerikanischen Familien adoptieren zu lassen. Dieses Thema fand ich sehr interessant, weil ich bisher noch nie Berührung damit hatte, wie diese Kinder und auch deren Mütter im Nachkriegsdeutschland behandelt wurden. Wenn ihr euch für dieses Thema interessiert, könnt ihr euch diesen Artikel der NY Times durchlesen (auf englisch).

Mich hat das Buch sehr berührt, nicht nur wegen der Lovestory, sondern vor allem aufgrund der anderen Themen, die mir zum Teil unbekannt waren. Ich hoffe sehr, dass das Buch sehr viele Leser/innen findet und dass Susanne Abel noch weitere Bücher schreibt.

Eine Leseprobe findet ihr auf der Seite des dtv Verlages. Das Buch wurde mir vom Verlag und Netgalley zur Verfügung gestellt. Dies hat meine Meinung nicht beeinflusst.

Infos über das Buch *Werbung*

Seiten: 528

Herausgeber: dtv Verlagsgesellschaft

Erscheinungsdatum: 18. März 2021

ISBN: 978-3423282598

Preis: 20 € (Hardcover), 16,99 € (E-Book)

Magie oder Mord?

Man mag es kaum glauben, aber ich habe noch nie ein Buch von Susanne Goga gelesen. Nach der Lektüre von „Das Geheimnis der Themse“ werde ich das aber auf jeden Fall nachholen, denn das Buch hat mir außerordentlich gut gefallen.

Charlotte und Tom sind seit zwei Jahren verheiratet und immer noch kinderlos. Ein wenig Ablenkung von diesem Thema verschafft ihnen die Recherche zu einem Buch, das Tom für sich „magischen Atlas“ nennt, einem Buch über magische Orte in London. Als der Strandsucher Alfie eine tote Frau findet, recherchieren Charlotte und Tom, denn die Polizei sieht den Tod der jungen Frau als Unfall an und hat die Ermittlungen eingestellt.

Ich lese ungern Bücher, die sich aufeinander beziehen in der falschen Reihenfolge, aber diesmal ging es leider nicht anders. Bei der Büchereule fand die Leserunde mit Autorin statt und da ich den Vorgänger nicht gelesen habe, musste ich wohl einfach da durch. Ich kann euch aber versichern, dass man als Nicht-Kenner trotzdem alle Zusammenhänge gut verstehen kann. Mir hat zumindest nichts gefehlt, allerdings wäre es etwas schöner gewesen, wenn ich die Figuren schon gekannt hatte, daher würde ich euch empfehlen erst mal „Der verbotene Fluss“ zu lesen.

Die Charaktere waren sehr liebevoll gestaltet, so dass ich in der Lage war jederzeit mitzufühlen, wie es ihnen gerade geht. Der Anteil an der Geschichte von Charlotte und Tom bzw. dem Krimianteil haben sich ungefähr die Waage gehalten, was ich sehr angenehm fand. Ich hatte das Gefühl, als würde ich tatsächlich mit den beiden recherchieren und nicht irgendwas vorgesetzt bekommen. Das Tempo ist  gemächlich, was ich ebenfalls schätze, trotzdem war es spannend, da die verschiedenen Handlungsstränge sich immer wieder abwechseln.

Mir wurde während der Leserunde die Leo-Wechsler-Reihe empfohlen, die ich mit Sicherheit auch bald lesen werde.

Ihr mögt Bücher mit sympathischen Charakteren, die im Alleingang ermitteln? Dann seid ihr bei Charlotte und Tom genau richtig. Eine Leseprobe findet ihr auf der Seite des Diana Verlages.

Infos zum Buch *Werbung*

Seiten: 448

Herausgeber: Diana Verlag

Erscheinungsdatum: 8. Februar 2021

ISBN: 978-3453360716

Preis: 10,99 € (Taschenbuch), 9,99 € (E-Book)

Der etwas andere Präsident

Ich habe noch nie bewusst darüber nachgedacht, ob irgendein Politiker einen Doppelgänger hat, der dafür bezahlt wird, Auftritte wahr zu nehmen und sich für die Originalperson auszugeben. Als ich von „Der Präsident“ von Clemens Berger hörte, fand ich die Vorstellung interessant, die Geschichte dieses Doppelgängers zu erfahren.

Clemens Berger hat sich für sein Buch den Doppelgänger von Ronald Reagan ausgesucht. Er hat aber nicht Jay Koch beschrieben, so der Name des echten Doubles, sondern einen Jay Immer kreiert. Der Grund dafür ist einfach: Das Lebensgerüst der beiden Jays sind anfangs gleich, irgendwann entwickelt sich aber „unser“ Jay von dem tatsächlichen Jay weg. Jay Immer kämpft nämlich für den Umweltschutz und ist plötzlich gar nicht mehr so unsichtbar, wie er es in der ersten Hälfte des Buches war.

Anfangs hatte ich etwas die Befürchtung, dass ich die politischen Zusammenhänge nicht verstehen würde, aber dank einer kurzen Auffrischung durch einen Film über Ronald Reagan war ich relativ schnell im Thema und der Autor erklärt auch alles so, dass man es als nicht so politischer Mensch wie ich einer bin, ganz gut verstehen kann. Die Figuren sind irgendwie schrullig, sogar liebenswert schrullig und nach und nach ist mir Jay sehr ans Herz gewachsen. Gut gefallen hat mir, dass der Autor immer wieder wahre Begebenheiten, beispielsweise ein Aufeinandertreffen von Trump und Gorbatschow, mit ins Buch einfließen lassen hat. Das macht es noch glaubwürdiger als es sowieso schon ist. Manchmal musste ich mir klar machen, dass es sich hier um den fiktiven Jay handelt, weil er so echt dargestellt wurde.

Das Buch hat mich jedenfalls dazu animiert, mich etwas mehr mit der Person Reagan auseinander zu setzen. Bisher wusste ich nur Bruchstücke über ihn und sein Leben. Ich bin aber auch einfach gar nicht politikinteressiert und bin auch zu jung um alles „live“ miterlebt zu haben. Umso besser finde ich, dass der Autor mich mit diesem Buch so fesseln konnte.

Ich kann das Buch guten Gewissens weiter empfehlen, auch für Leser/innen, die sich in der amerikanischen Politik oder Politik allgemein nicht so gut auskennen.

Weitere Informationen zum Buch findet ihr auf der Homepage des Verlages.

Informationen zum Buch *Werbung*

Seiten: 336

Verlag: Residenz Verlag

Erscheinungsdatum: 24. Juli 2020

ISBN: 978-3701717330

Preis: 24,00 Euro (Hardcover), 16,99 € (E-Book)

Jugend in den 80ern

Von „Hard Land“ war ich positiv überrascht. Ich mag es immer, wenn Bücher aus der Perspektive des Erzählenden geschrieben sind und das war hier so. Das Buch hat mich ein wenig in meine Kindheit zurück versetzt, denn ich ungefähr so alt wie der Protagonist.

Sam Turner ist 16 als sein ganzes Leben sich verändert. Er ist eher der Typ Außenseiter, dazu noch ängstlich und nicht gerade ein Kerl wie ein Baum. „Hard Land“ schildert, wie er eher zufällig in eine Clique gerät, von ihnen nach und nach akzeptiert und auf deren eigene Art geliebt wird. Sam wird nach einem Schicksalsschlag und nach diesem einen Sommer erwachsen und findet nach und nach raus wer er wirklich ist. 

Benedict Wells hat die Charaktere sehr liebevoll beschrieben, es war fast so als würde er sie persönlich kennen und hätte eine reale Vorlage vor Augen gehabt.  Anfangs hält Sam seine späteren Freunde für coole Kids, die keine Probleme haben und sich ihrer selber immer sicher sind. Nach und nach stellt sich heraus, dass es ganz und gar nicht so ist und dass er sogar recht gut in diese Gruppe passt. Jeder Freund aus Sams Clique hat eine andere Eigenart, die ich im Zusammenspiel mit dem Charakter total liebenswert fand. Es finden sich immer wieder liebevolle kleine Details im Buch, beispielsweise das Bruce-Mobil, das ist das Auto, in dem nur Songs von Bruce Springsteen gespielt werden dürfen.

Es war trotz einiger schwieriger  und auch trauriger Themen ein totales Wohlfühlbuch für mich. Was es mit dem Titel des Buches auf sich hat, erfährt man allerdings erst ganz am Ende und stellt dann fest, dass dieser Titel perfekt zum Buch passt. Ich mochte die warmherzige Art, in der Benedict Wells erzählt. Dabei hat er Sam immer wieder selbstironische Sätze in den Mund gelegt, so dass ich sehr oft  schmunzeln musste.

Für einen entspanntes Wochenende auf der Couch oder im Garten ist „Hard Land“ genau das richtige Buch. Eine Leseprobe findet ihr auf der Seite des Verlages.

Informationen zum Buch *Werbung*

Seiten: 352

Verlag: Diogenes

Erscheinungstermin: 24. Februar 2021

ISBN: 978-3257071481

Preis: 24,00 € (gebundenes Buch)

Mord im idyllischen St-Peter-Ording

Ich habe wirklich lange keinen Krimi mehr gelesen und als ich gefragt wurde, ob ich bei der Blogtour des ersten Buches von Svea Jensen mitmachen möchte, musste ich einfach zusagen. Schon der Klappentext hat mich total angesprochen. „Nordwesttod“ ist der erste Teil einer neuen Reihe. Der zweite Teil „Nordwestzorn“ erscheint schon im Mai 2021.

Hendrik Norberg hat sich nach St. Peter-Ording versetzen lassen, weil seine Frau verstorben ist und er sich mehr um seine beiden Jungs kümmern möchte. Er wird dort der neue Dienststellenleiter der Polizeistation und trifft auf Anna Wagner, die nach ihrer Scheidung nach St. Peter Ording versetzt wurde. Der erste Fall scheint erst mal gar kein erster Fall zu sein. Die junge Umweltaktivistin Nina Brechtmann ist nicht aus dem Urlaub zurück gekehrt und wird eigentlich nur von ihren Kollegen vermisst. Sie ist ein stiller und zurückhaltender Typ, der nichts aus dem Privatleben erzählt, daher sind die Ermittlungen nicht ganz so einfach für das neue Team.

Direkt mit dem Prolog steigt man auch in das Geschehen ein. Obwohl es in dem Buch mehrere Tote gibt, ist es nicht blutrünstig geschrieben, eher gemächlich und entspannt. Ich habe sogar zeitweise fast vergessen, dass es sich um einen Krimi handelt. Sowas gefällt mir wirklich gut, denn viele Krimis oder Thriller sind nur auf die Ermittlungen fokussiert, was auch Spaß machen kann, mich aber auf Dauer nicht glücklich macht. Hier wird einiges an Drumherum zu den Haupt- und Nebencharakteren erzählt, so dass man sie gut kennenlernen kann. Gleichzeitig ist diese Hintergrundinformation natürlich die perfekte Grundlage um eine mehrteilige Reihe aufzubauen. Obwohl viele Personen vorkommen, wird es nicht unübersichtlich, weil jeder von den Charakteren behutsam eingeführt wird und nicht zu viele Infos auf einmal erzählt werden, die dazu noch gut dosiert preis gegeben werden. Sehr oft geschieht dies in Rückblicken. Mir hat diese Vorgehensweise richtig gut gefallen. Liebevolle kleine Details machen das Buch zu einem herzerwärmenden Leseerlebnis, das man nicht so schnell beenden möchte. Um die Spannung zu erhalten, wurden kurze Kapitel gewählt, die immer wieder an verschiedenen Schauplätzen spielen.

Aufgrund der Beschreibungen der verschiedenen Orte hatte ich leider ich das ganze Buch über Meerweh, das auch noch eine ganze Weile angehalten hat. St. Peter-Ording kenne ich nicht, aber ich glaube, dass ich es demnächst kennen lernen möchte, denn es klingt nach Ruhe, Erholung und ursprünglicher Natur.  

Wenn ihr es mögt, nicht durch ein Buch zu jagen, sondern gemächlich hindurch zu gehen und zu genießen, kann ich euch das Buch sehr ans Herz legen. Eine Leseprobe findet ihr hier. Das Buch wurde auch als Hörbuch mit Julia Nachtmann als Sprecherin vertont.  

Sonnenuntergang am Wattenmeer in St. Peter-Ording
Bild von Poochy auf Pixabay

Ein wichtiges Thema des Buches ist das Thema Umweltschutz, denn Nina Brechtmann ist nicht nur Umweltaktivistin, sondern auch die Tochter einer Hoteliersfamilie. Wie man sich vorstellen kann, ist dies keine einfache Situation für alle Beteiligten.

In St. Peter-Ording gibt es eine Organisation mit dem Namen „Schutzstation Wattenmeer“. Diese Organisation betreut den Nationalpark Wattenmeer, kümmert sich unter anderem um die Dünen und um weitere Forschungs- und Naturschutzaufgaben. Die Nationalparks Wattenmeer, die unter anderem auch in Niedersachsen und Hamburg bestehen, schützen die Natur vor menschlicher Nutzung und ermöglichen Naturerlebnisse für die Besucher.

In St. Peter-Ording kommt ein Großteil des Umsatzes aus dem Tourismus, das bedeutet, dass ein stabiles Gleichgewicht zwischen Umweltschutz und Tourismus geschaffen werden muss. Um dies zu gewährleisten, wurde bereits im Jahr 1999 ein „Bescheid zur Sondernutzung des Meeresstrandes“ zwischen der Nationalparkverwaltung und der Gemeinde St. Peter-Ording abgeschlossen. Dieser wurde im Oktober 2020 erneuert und regelt beispielsweise das Befahren des Strandes mit Autos, das Parken oder Bohlenwege für Fahrräder, da dies sowohl durch das Nationalparkgesetz als auch durch das Landesnaturschutzgesetz ausgeschlossen wird. Aus diesem Grund wurden diese Sonderregelungen als Kompromiss getroffen.

Grundsätzlich können die Touristen auch ihren Beitrag zum Umweltschutz in St. Peter-Ording leisten, indem sie sich nachhaltig innerhalb des Ortes fortbewegen, beispielsweise per ÖPNV, per Rad oder zu Fuß und nach nachhaltigen Hotelangeboten Ausschau halten. Dies ist vielleicht etwas teurer, aber es erhält St. Peter-Ording als lebenswerten Ort für die Anwohner und als liebenswerten Ort für Touristen.  Jeder kann seinen Teil dazu beitragen.

Autorenfoto von Svea Jensen
Svea Jensen ©Maya Meiners fotografie

Informationen zum Buch *Werbung*

Seiten: 416 Seiten

Verlag: HarperCollins

Erscheinungsdatum: 16. Februar 2021

ISBN: 978-3749900039

Preis: 12,00 € (Taschenbuch)

Die Blogtour hat folgende Stationen:

16.02.2021 Frau Goethe liest

17.02.2021 Lesenswertes aus dem Bücherhaus

18.02.2021 Janakas Buchblog

19.02.2021 Krimi und Keks

20.02.2021 Kunterbunte Bücherreisen

21.02.2021 Susannes Bücherwelt

22.02.2021 Eulenmatz liest

Briefe an Kafka

Als ich 2010 das erste Mal in Prag und damit auch im Kafka-Museum war, hat mich die gesamte Ausstellung total fasziniert. Aus diesem Grund musste ich unbedingt „Milena und die Briefe der Liebe“ von Stephanie Schuster lesen. Nun bin ich nicht nur fasziniert von Franz Kafka, sondern auch noch von Milena Jesenská.

Das Buch beginnt im Jahr 1916 als Milena ihren zukünftigen Ehemann Ernst Pollak, einen österreichischen Literaturkritiker und -agent im Staatstheater kennen lernt. Sie verlieben sich ineinander, dürfen aber nicht zusammen sein. Gleichzeitig lernt Milena Schriftsteller wie Max Brod oder eben jenen Franz Kafka kennen, als sie zusammen mit Ernst im Café Arco über Literatur sinniert. Nachdem Ernst sie, eher aus Vernuftsgründen als aus Liebe, heiratet, ziehen sie zusammen nach Wien. Dort beginnt auch die Brieffreundschaft zwischen Milena und Franz,  die sich später zu einer seltsamen Art Liebe entwickelt.

Ich hatte keine Sekunde das Gefühl mit den Personen oder mit dem Buch zu fremdeln. Obwohl ich mich nicht wirklich mit Kafka oder den Leuten um ihn herum beschäftigt habe, fühlte ich mich direkt mitten drin und als würde ich sie alle beschriebenen Personen persönlich kennen. Kafkas Lebensgeschichte kennen die meisten Menschen zumindest ansatzweise, daher finde ich es umso besser, dass nun ein Buch als leicht zugängliche Geschichte geschrieben wurde, das Milena gerecht wird. Ich hätte sehr gerne ein ausführlicheres Buch über sie gelesen. Obwohl aus den Briefen von Kafka an Milena nur Bruchstücke im Buch enthalten sind, hat die Autorin es ausgezeichnet verstanden, Milenas Gefühle für Franz darzustellen. Nicht nur die schönen Gefühle, wie man meinen sollte, wenn man den Klappentext liest, auch das genervt sein, weil er mal wieder etwas verkomplizierte oder wenn er wegen etwas unentschlossen war.

Milena Jesenská war nicht nur Journalistin, sondern auch eine Kämpferin für Demokratie und für Menschenrechte. Sie starb im Jahr 1944 im KZ Ravensbrück. Nach ihrem Tod wurde ihr der Tomás-Garrigue-Masaryk-Orden verliehen. Sie ist außerdem diejenige, die es ermöglichte, dass Kafkas unveröffentlichte Geschichten und seine Tagebücher heute noch öffentlich bekannt sind, denn entgegen seinem letzten Willen unveröffentlichte Dinge zu vernichten, übergab sie alles Max Brod, der diese dann veröffentlichte.  

Bild von Denis Poltoradnev auf Pixabay

„Milena und die Briefe der Liebe“ ist Teil 3 der Reihe „Außergewöhnliche Frauen zwischen Aufbruch und Liebe“ vom Aufbau Verlag. Dies sind die Teile in der richtigen Reihenfolge:

1. George Sand und die Sprache der Liebe – Beate Rygiert (Frédéric Chopin)

2. Die Pianistin: Clara Schumann und die Musik der Liebe – Beate Rygiert (Robert Schumann)

3. Milena und die Briefe der Liebe – Stephanie Schuster (Franz Kafka)

4. Die Rebellin – Thérèse Lambert (Rainer Maria Rilke)

5. Die Bildhauerin – Pia Rosenberger (Auguste Rodin) – erscheint am 12. April 2021

6. Frau von Goethe – Beate Rygiert (Johann Wolfgang von Goethe) – erscheint am 16. August 2021

Über das Buch *Werbung*

Seiten: 368

Verlag: Aufbau Taschenbuch Verlag

Erscheinungsdatum: 10. November 2020

ISBN: 978-3746635934

Preis: 12,99 € (E-Book: 9,99 €)

Das Ende der Stummfilm Ära

Der zweite Teil der Gereon-Rath-Reihe hat mir sogar noch besser gefallen als der erste Teil. Endlich habe ich eine neue Reihe gefunden, die ich mit Vergnügen höre. Und das Beste daran: Ich habe noch sechs Teile vor mir.

In „Der stumme Tod“ hat es Gereon Rath mit einer ermordeten Stummfilmschauspielerin zu tun. Während der Dreharbeiten wird die Schauspielerin Betty Winter von einem herabfallenden Scheinwerfer getötet. Während Gereon noch weitere Baustellen hat, sterben weitere Schauspielerinnen. Allen werden die Stimmbänder entnommen, was schon relativ früh auf einen Täter hinweist, der den neuartigen Tonfilm nicht gutheißt. Gereons Vater zwingt ihm zeitgleich als Gefälligkeit für den späteren Bundeskanzler Konrad Adenauer auf, einen Erpressungsfall aufdecken, der dem damaligen Oberbürgermeister von Köln sehr schaden würde, wenn er nicht unterbunden werden würde.

Wie schon im ersten Teil hat mir der Charakter von Gereon Rath richtig gut gefallen. Er ist aufbrausend, direkt und hat das Talent sich immer in scheinbar aussichtslose Situationen zu manövrieren. Manchmal hätte ich ihn schütteln können, weil es absehbar war, dass es einfach nicht gutgehen kann, was er gerade plant. Mir gefällt das gemächliche Tempo, in dem Volker Kutscher erzählt, richtig gut. Ich mag es, wenn nicht immer hin und her gehetzt wird und man viel über die Protagonisten erfährt. Hier erfährt man in kleinen Häppchen immer mehr über die Beziehung zwischen Gereon und seinen Eltern. Außerdem kommen einige historische Personen im Buch vor, unter anderem der weiter oben erwähnte Konrad Adenauer, Ernst Gennat (Beamter der Berliner Kriminalpolizei in Preußen) oder der Berliner Polizeipräsident Karl Friedrich Zörgiebel. Die Spielorte wie die Rote Burg (das Polizeipräsidium am Alexanderplatz) oder das Aschinger (Restaurant) sind ebenfalls reale Orte.

In den späten 1920er Jahren löste der Stummfilm den Tonfilm ab. Stummfilme zeichnen sich dadurch aus, dass einzelne erklärende Sätze zwischen den einzelnen Szenen eingeblendet werden und der gesamte Film mit manchmal eigens dafür komponierter Musik hinterlegt ist. Wenn man sich mal so einen Film ansieht, merkt man schnell, dass diese Filme genauso ausdrucksstark sind wie die heutigen Tonfilme, nur auf eine andere Art und Weise. Habt ihr schon mal einen Stummfilm gesehen? Ich habe mal im Rahmen einer Ausstellung einen Stummfilm gesehen und war beeindruckt, wie man sich damals ohne Sprache ausdrücken konnte.

Über den Sprecher, David Nathan, brauche ich vermutlich nicht mehr viel zu sagen. Ich bin seit dem ersten Hörbuch, das er mir vorgelesen hat, großer David Nathan Fan und finde, dass er hier wieder ausgezeichnete Qualität abgeliefert hat.

Dieser Teil ist ebenfalls als die Serie „Babylon Berlin“ verfilmt worden, allerdings nicht als Staffel 2, sondern als Staffel 3, wobei hier laut Wikipedia nur der Kerninhalt mit dem Buch übereinstimmt. Ich habe nur einen Teil der ersten Staffel gesehen und finde, dass die Bücher um einiges besser sind als die Serienverfilmung.  

Wenn Euch das Hörbuch interessiert, könnt ihr euch beim Argon Verlag die Hörprobe anhören.  Meine Meinung bezieht sich auf die ungekürzte Hörbuchausgabe. Die gekürzte Ausgabe wird von Reiner Schöne gelesen und hat eine Laufzeit von 6 Stunden und 38 Minuten.

Die Gereon Rath Reihe umfasst bisher insgesamt acht Teile:

1. Der nasse Fisch

2. Der stumme Tod

3. Goldstein

4. Die Akte Vaterland

5. Märzgefallene

6. Lunapark

7. Marlow

8. Olympia

Infos zum Hörbuch *Werbung*

Länge: 17 Stunden 30 Minuten

Verlag: Argon Verlag

Preis: 29,95 €

Veröffentlichung: 13. Dezember 2019

ISBN: 978-3-7324-5397-9

Ein meerverliebtes Herz

Ich bin wahrlich kein Fan von Meerestieren, aber als im virtuellen Wohnzimmer für die Querbeet-Leserunden für 2021 „Rendezvous mit einem Oktopus“ vorgeschlagen wurde und ich die Leseprobe in Windeseile inhaliert hatte, war mir klar: Ich muss das Buch dringend lesen. Ich habe es mir dann direkt zu Weihnachten schenken lassen und bin total beeindruckt von diesen unglaublich klugen Meeresbewohnern.

Sy Montgomery macht eigentlich nichts anderes als ihre Erfahrungen mit diversen Oktopoden zu erzählen. Dies tut sie so liebevoll und anschaulich, dass ich schon nach sehr wenigen Seiten total verzaubert war. Gerade wünsche ich mir nichts anderes als einen Oktopus zu erforschen und zwar nicht nur durch die Scheibe eines Aquariums, sondern ohne Scheibe – direkt und ungeschönt. Ich hoffe, das geht wieder vorbei 😉

Im New England Aquarium lernt sie nicht nur die kleine Oktopusdame Kali kennen und lieben, sondern erzählt dem Leser/der Leserin auch von ihren Wegbegleitern im Giant Ocean Tank und den vielen anderen Meerestieren, die sich dort tummeln, so dass man unweigerlich das Gefühl hat, als wäre man bei jeder Begegnung mit einem der Tiere dabei gewesen. Dabei ist besonders auffallend, dass alle Mitarbeiter ihren Job dort leben. Sie sind immer und bedingungslos für die  – für mich -seltsamsten Tiere da und lieben sie wie ein eigenes Haustier. Da Oktopoden nicht allzu lange leben, verbrachte die Autorin nicht nur regelmäßig Zeit mit Kali, sondern auch mit Athena und Octavia, die sie ebenfalls sehr schnell in ihr Herz geschlossen hatte. Alle drei hatten völlig unterschiedliche Charaktere, die durch das Verhalten, das sie den Menschen gegenüber an den Tag gelegt haben, greifbar wurden.

All die Einzelheiten zum Verhalten der Oktopoden kann ich hier leider gar nicht wieder geben. Ich bin einfach nur total positiv überrascht, dass sie komplett auf den Menschen eingehen können und uns nach Meinung der Forscher genauso beobachten und analysieren können wie wir sie. Im ersten Drittel war ich von all den Erzählungen über die Fähigkeiten dieser Tiere total überwältigt und musste jedem um mich herum erzählen wie großartig Oktopoden sind. Ich habe schon angekündigt, dass ich, sobald es wieder möglich ist, den Aquazoo besuchen möchte. Es gibt aber noch einen weiteren seltsamen Nebeneffekt: Ich habe bisher jedem, der es wissen wollte (oder auch nicht wissen wollte), erzählt, dass ich Fische hässlich und eklig finde. Nachdem Sy Montomery aber über so gut wie alle Meeresbewohner total liebevoll und ehrfürchtig geschrieben hat, habe ich all die Tiere gegoogelt (ich habe noch nie so oft Fische gegoogelt) um zu sehen, was an den einzelnen Arten so zauberhaft sein soll. Ich glaube, ich kann behaupten, dass ich Meerestiere jetzt gar nicht mehr so eklig finde wie vor der Lektüre.

Der Originaltitel lautet übrigens „The soul of an octopus“ und passt meiner Meinung nach viel besser zum Inhalt als der deutsche Titel. In meiner Ausgabe ist noch ein kurzes Nachwort von Donna Leon enthalten, das ich nicht zwingend hätte lesen müssen.

Ich bin mir sehr sicher, dass viele von euch ebenfalls fasziniert von dieser Gattung Tiere sein werden. Daher lege ich euch die Leseprobe – zu finden beim Mare Verlag – ans Herz. Und ich würde mich sehr freuen, wenn ihr mir zurück melden würdet, was ihr von der Leseprobe oder sogar von dem Buch haltet. Ich werde es jedenfalls bestimmt noch mal lesen, weil ich all die enthaltenen Fakten gar nicht behalten konnte.

Informationen zum Buch *Werbung*

Verlag: mare Verlag

Seiten: 336

ISBN: 978-3866482654

Preis: 28,00 € (gebundenes Buch) und 13,99 € (E-Book)