Das ganz normale Dorfleben

Ich habe das Hörbuch „Über Menschen“  von Juli Zeh über MDR Kultur gehört. Gelesen wird es von Anna Schudt. Ich habe mich zuvor an einigen Romanen von Juli Zeh versucht, aber nie so richtig Zugang zu ihren Büchern gefunden. Vielleicht hat sich das ja jetzt geändert.

Dora zieht nach Bracken in Brandenburg, weil ihre Beziehung mit ihrem Freund Robert nicht mehr so aussieht, wie sie es sich vorgestellt hat. Sie hat in Bracken ein kleines Gutsverwalterhäuschen gekauft und kommt dort mit allerlei Vorurteilen bezüglich der Menschen und der Gegend an. Direkt zu Anfang lernt sie Gote, ihren Nachbarn und „Dorf-Nazi“ kennen und sieht sich in ihrer Meinung über die Menschen auf dem Land bestätigt. Doch wie sich alles weiter entwickelt, konnte sie zu dem Zeitpunkt noch nicht ahnen.

Dora ist anfangs sehr grüblerisch und auch als Leser*in hat man das Gefühl nicht an sie heran zu kommen. Als sie die ersten Menschen in Bracken kennen lernt, merkt sie, dass das Leben nicht nur schwarz und weiß ist, sondern auch ganz viele Grautöne hat. Plötzlich ist der rechtsradikale Asoziale von Nebenan ein lieber Nachbar, der ihr einfach aus Freundlichkeit Möbel schenkt und seine Hilfe anbietet. Die Leute, denen sie im Laufe des Buches begegnet, gehören bestimmten Gruppen an, aber sie verhalten sich meist überhaupt nicht so wie sie es voraus gesehen hat. Wir kennen das ja sicher alle, dass wir uns ein bestimmtes Bild von einer Personengruppe machen und dann völlig überrascht sind, wenn diese Leute völlig anders sind als wir erwartet haben. So ging es Dora auch und zwar fast das ganze Buch über. Juli Zeh spielt hier natürlich mit der vollen Breitseite der Vorurteile, die man überall mitbekommt und die in den meisten Köpfen bewusst oder unbewusst bestehen.

Das Buch spielt fast in der Jetzt-Zeit, nämlich zu Beginn der Pandemie. Doras Noch-Freund Robert gehört zu denen, die die Pandemie zu übertrieben sehen und eigentlich schon den Weltuntergang vor Augen haben. Gleichzeitig ist er glühender Greta Thunberg-Verehrer und verhält sich sehr überzogen und übergriffig Dora gegenüber.  Er hat sein ganzes Leben extrem in diese Richtung ausgerichtet. Für ihn gibt es ebenfalls kein grau, sondern nur schwarz und weiß.

Dora und auch ich als Hörerin haben durch das Buch gelernt, dass man den Mensch als Ganzes sehen sollte. Nicht nur, wie diese*rber sich verhält und welche Definition  oder Bezeichnung  er oder sie von anderen Leuten  bekommen hat, sondern dass man sich auch die Mühe macht auch seine Geschichte und die Gründe für das jeweilige Verhalten heraus zu finden. Ich habe schon oft gehört, dass Juli Zehs Romane genau diesen Effekt haben und daher werde ich es wohl doch noch mal mit weiteren Büchern versuchen.

Ein wenig traurig war ich schon, als ich Abschied von Dora, ihrem Hund Jochen, der Rochen und von Gote nehmen musste, aber ich glaube, ich werde in der nächsten Zeit noch mehr versuchen hinter Fassaden von Menschen  zu sehen.

Anna Schudt hat das Hörbuch ganz hervorragend gelesen. Ich finde ihre Stimme sehr angenehm und habe nun auch eine neue Lieblingssprecherin.

Eine Lesprobe könnt ihr auf der Seite des Luchterhand Literaturverlages finden.

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Seiten: 416

Herausgeber: Luchterhand Literaturverlag

Erscheinungsdatum: 22. März 2021

ISBN: 978-3630876672

Preis: 22,00 € (gebundene Ausgabe), 17,99 € (E-Book)

Olga – Bernhard Schlink (Hörbuch)

„Olga“ habe ich im Rahmen einer Leserunde bei der Büchereule gehört und kann zu diesem Zeitpunkt des Jahres wohl sagen, dass es das Buch ist, das mich in 2020 am meisten überrascht hat. Der Klappentext transportiert so gut wie nichts über das Buch, erst die Leseprobe hat mich dazu gebracht, es mit dem Buch zu versuchen.

Es geht um Olga und ihre große Liebe Herbert und vor allem um Olgas Leben. Der erste Teil des Buches beinhaltet Olgas Leben im Zeitraffer und zwar von frühester Kindheit an bis sie eine ältere Frau ist. Beeindruckend fand ich, dass trotz dieser gerafften Darstellung alle Gefühle genau so ankamen, wie der Autor es sich hoffentlich gedacht hat.

Der zweite Teil wird von einem Ich-Erzähler, der Olga als jemanden wie seine Großmutter ansieht, erzählt. Olga erscheint ihm teilweise rätselhaft, auf der anderen Seite ist sie ihm aber total vertraut und ist ein wichtiger Teil seines Lebens.

Der dritte und für mich schönste Teil enthält Briefe, die Olga innerhalb von vielen Jahren an Herbert geschrieben hat. Hier erfährt der Leser sehr viel über Olgas Beweggründe für Dinge, die sie getan hat und ihre Gefühle werden offen gelegt.

Mir war bisher nicht so recht bewusst, dass ein Buch mit so wenig Seiten (oder in meinem Fall das Hörbuch mit nur knapp sechs Stunden dem Leser/der Leserin bzw. dem Hörer/der Hörerin die Charaktere so sehr ans Herz wachsen lassen können. Wobei im Fall des Hörbuches der großartige Sprecher, Burghart Klaußner, einen großen Teil dazu beigetragen hat.

Ich möchte noch erwähnen, dass es sich hier nicht um eine schnulzige Liebesgeschichte handelt, sondern um das Leben einer ganz großartigen Frau, die sich trotz aller Widrigkeiten und schlimmen Erfahrungen, wie zum Beispiel dem Krieg, niemals hat unterkriegen lassen. Ebenso wie der Ich-Erzähler im zweiten Teil habe ich Olga in kürzester Zeit heiß und innig geliebt.

Ich kann dieses tolle Buch jedem empfehlen, der gerne Geschichten über Menschen liest. Probiert es aus, lest die Leseprobe oder hört euch die Hörprobe an. Ich bin verliebt in das Buch und hoffe, dass es sehr viele andere Menschen ebenso sehr ins Herz schließen wie ich. Von Bernhard Schlink werde ich auf jeden Fall noch weitere Bücher lesen.

Die Leseprobe und Infos zum Hörbuch findet ihr auf der Seite des Verlages.

Verlag: Diogenes Verlag

Erscheinungsdatum: 1. November 2019

Seiten: 320

Das Seidenraupenzimmer – Sayaka Murata (Hörbuch)

Sprecher: Vera Teltz

Verlag: Aufbau Verlag  

Erscheinungsdatum: 16. Juni 2020

Dauer:  5 Stunden 28 Minuten

ASIN: B08B8YFZG1

Die Autorin (Verlag):

Sayaka Murata wurde 1979 in der Präfektur Chiba, Japan, geboren. Für ihre literarische Arbeit erhielt sie bereits mehrere Auszeichnungen. Ihr Roman »Die Ladenhüterin« gewann 2016 mit dem Akutagawa-Preis den renommiertesten Literaturpreis Japans und war in mehr als einem Dutzend Ländern ein großer Erfolg.

Klappentext (Verlag):

Der neue Roman nach dem Bestseller »Die Ladenhüterin«

Der neue Roman von Japans Erfolgsautorin Sayaka Murata erzählt die Geschichte zweier Außenseiter, Natsuki und ihr Cousin Yu, die sich jung verlieben und gemeinsam gegen eine Welt verbünden, die ihnen beileibe nicht nur Gutes will. Im alten Farmhaus der Familie, in dem früher die Seidenraupen ihren Dienst verrichteten, sind sie glücklich, denn sie sind beieinander. 20 Jahre später geht Natsuki an diesen Ort zurück … Die Magie dieses Romans spinnt uns ein in einen irisierenden Kokon der Fremdheit und entlässt uns schließlich in eine Realität, in der alles möglich ist.

Meine Meinung:

Ich finde japanische Romane immer ein wenig skurril, weil ich die japanische Gesellschaft und deren Art zu denken nicht wirklich verstehe. Das hat aber nur am Ende des Buches dazu geführt, dass ich den Inhalt etwas seltsam fand.

Natsuki wächst in einer Familie auf, die sie eigentlich immer runter putzt. Ihre Mutter ist ganz besonders schlimm. Nichts, was Natsuki tut, kann ihre Mutter zufrieden stellen, ganz egal wie sehr sie sich anstrengt. Ihrem Cousin Yu geht es ähnlich. Er ist auch der Außenseiter der Familie. Also lassen sie ihre Fantasie spielen, weil sie besser damit klar kommen, dass sie vom Planeten Pohanpipinpopopia kommen und einfach nur ihr Raumschiff finden müssen, das sie nach Hause bringt. Aber das Raumschiff kommt nicht und Natsuki und Yu müssen in der Welt, die sie nicht verstehen und die sie nicht versteht, tagtäglich um ihr Überleben kämpfen.

Der Anfang war ziemlich heftig, weil Natsuki richtig von ihrer Mutter und ihrer Schwester angegangen wird. Ich weiß nicht, in wieweit sie den japanischen Gebräuchen nicht entsprochen hat, daher kann ich mir kein Urteil erlauben, ob sie einfach schlecht behandelt wurde, oder ob es mit Mädchen wie ihr so üblich ist. Später wird Natsuki missbraucht und niemand glaubt ihr. Sie wird sogar so dargestellt, als wäre dies ihr großer Traum gewesen. Das war einfach furchtbar zu hören, daher würde ich Menschen, die mit Missbrauch und auch mit Mobbing ein Problem haben, von dem Buch generell abraten, denn der Missbrauch ist immer mal wieder auf die eine oder andere Art Thema, vor allem in Natsukis Handeln und Fühlen. Das Ende kam für mich ziemlich überraschend und war total skurril. Ich habe die Intention verstanden, aber ich hätte es mir weniger anschaulich gewünscht.

Vera Teltz hat das Buch ganz großartig gelesen. Die Emotionen der einzelnen Figuren kamen sehr echt herüber, ganz egal, ob sie negativ oder positiv waren. Ich habe nun wieder eine Sprecherin mehr der ich gerne lauschen möchte.

Trotz des schwierigen Themas hat mir das Buch sehr gut gefallen und ich bin sehr froh, dass die Sprecherin mir das Lesen des fremden Planeten abgenommen hat, der doch ziemlich oft in dem Buch erwähnt wird. Ich hätte immer wieder gestockt und wahrscheinlich irgendwann abgebrochen, weil ich es total hinderlich finde, wenn man ständig wiederkehrende Worte nicht flüssig lesen kann.  Obwohl ich das Ende nicht so wirklich gerne mochte, kann ich das Buch sehr empfehlen. Das erste Buch der Autorin „Die Ladenhüterin“ werde ich wohl auch beizeiten lesen oder hören.

Wenn ihr mehr über das Hörbuch erfahren wollt, seht euch mal auf der Seite des Verlages um.