Olga – Bernhard Schlink (Hörbuch)

„Olga“ habe ich im Rahmen einer Leserunde bei der Büchereule gehört und kann zu diesem Zeitpunkt des Jahres wohl sagen, dass es das Buch ist, das mich in 2020 am meisten überrascht hat. Der Klappentext transportiert so gut wie nichts über das Buch, erst die Leseprobe hat mich dazu gebracht, es mit dem Buch zu versuchen.

Es geht um Olga und ihre große Liebe Herbert und vor allem um Olgas Leben. Der erste Teil des Buches beinhaltet Olgas Leben im Zeitraffer und zwar von frühester Kindheit an bis sie eine ältere Frau ist. Beeindruckend fand ich, dass trotz dieser gerafften Darstellung alle Gefühle genau so ankamen, wie der Autor es sich hoffentlich gedacht hat.

Der zweite Teil wird von einem Ich-Erzähler, der Olga als jemanden wie seine Großmutter ansieht, erzählt. Olga erscheint ihm teilweise rätselhaft, auf der anderen Seite ist sie ihm aber total vertraut und ist ein wichtiger Teil seines Lebens.

Der dritte und für mich schönste Teil enthält Briefe, die Olga innerhalb von vielen Jahren an Herbert geschrieben hat. Hier erfährt der Leser sehr viel über Olgas Beweggründe für Dinge, die sie getan hat und ihre Gefühle werden offen gelegt.

Mir war bisher nicht so recht bewusst, dass ein Buch mit so wenig Seiten (oder in meinem Fall das Hörbuch mit nur knapp sechs Stunden dem Leser/der Leserin bzw. dem Hörer/der Hörerin die Charaktere so sehr ans Herz wachsen lassen können. Wobei im Fall des Hörbuches der großartige Sprecher, Burghart Klaußner, einen großen Teil dazu beigetragen hat.

Ich möchte noch erwähnen, dass es sich hier nicht um eine schnulzige Liebesgeschichte handelt, sondern um das Leben einer ganz großartigen Frau, die sich trotz aller Widrigkeiten und schlimmen Erfahrungen, wie zum Beispiel dem Krieg, niemals hat unterkriegen lassen. Ebenso wie der Ich-Erzähler im zweiten Teil habe ich Olga in kürzester Zeit heiß und innig geliebt.

Ich kann dieses tolle Buch jedem empfehlen, der gerne Geschichten über Menschen liest. Probiert es aus, lest die Leseprobe oder hört euch die Hörprobe an. Ich bin verliebt in das Buch und hoffe, dass es sehr viele andere Menschen ebenso sehr ins Herz schließen wie ich. Von Bernhard Schlink werde ich auf jeden Fall noch weitere Bücher lesen.

Die Leseprobe und Infos zum Hörbuch findet ihr auf der Seite des Verlages.

Verlag: Diogenes Verlag

Erscheinungsdatum: 1. November 2019

Seiten: 320

Ich bleibe hier – Marco Balzano

„Wir hatten uns daran gewöhnt, nicht wir selbst zu sein. „

  • Originaltitel: Resto qui
  • Übersetzerin: Maja Pflug
  • Verlag: Diogenes Verlag
  • Erscheinungsdatum: 24. Juni 2020
  • Seiten: 288 Seiten
  • ISBN:  978-3-257-07121-4 (Hardcover Leinen)

Der Autor (Verlag):

Marco Balzano, geboren 1978 in Mailand, ist zurzeit einer der erfolgreichsten italienischen Autoren. Er schreibt, seit er denken kann: Gedichte und Essays, Erzählungen und Romane. Neben dem Schreiben arbeitet er als Lehrer für Literatur an einem Mailänder Gymnasium. Mit seinem letzten Roman, ›Das Leben wartet nicht‹, gewann er den Premio Campiello, mit ›Ich bleibe hier‹ war er nominiert für den Premio Strega. Er lebt mit seiner Familie in Mailand.

Klappentext (Verlag):

Ein idyllisches Bergdorf in Südtirol – doch die Zeiten sind hart. Von 1939 bis 1943 werden die Leute vor die Wahl gestellt: entweder nach Deutschland auszuwandern oder als Bürger zweiter Klasse in Italien zu bleiben. Trina entscheidet sich für ihr Dorf, ihr Zuhause. Als die Faschisten ihr verbieten, als Lehrerin tätig zu sein, unterrichtet sie heimlich in Kellern und Scheunen. Und als ein Energiekonzern für einen Stausee Felder und Häuser überfluten will, leistet sie Widerstand – mit Leib und Seele.

Meine Meinung:

Der Klappentext hat mich neugierig gemacht, weil ich wissen wollte, wie Italien den zweiten Weltkrieg erlebt hat. Bisher kenne ich eigentlich nur Bücher, die in Deutschland spielen und natürlich das, was jeder hier in der Schule über diese Zeit lernt. Leider hat das Buch meine Erwartungen nicht so ganz erfüllt.

Wenn man die Geschichte kennt, die in dem Buch erzählt wird, kann erkennt man, was das Cover darstellt. Es ist der Kirchturm von Graun in Südtirol. Was daran so besonders ist? Der Kirchturm ist das einzige Überbleibsel des ursprünglichen Dorfes Graun, denn der 1950 eröffnete Reschenstausee überflutete das Dorf komplett.

Das Buch beginnt kurz nach dem ersten Weltkrieg. Die Hauptperson, Trina, unterrichtet heimlich Deutsch in versteckten Klassenzimmern, weil es mittlerweile verboten ist, deutsch zu sprechen. Die Einwohner des Dorfes werden bestochen, damit sie den Ort verlassen und wo anders ihr Glück suchen. Dies geschieht nur, weil der Montecatini-Konzern den Reschensee stauen möchte und Graun für dieses Vorhaben sehr ungünstig liegt. Wenn man schon mal im Vinschgau war und sich mit dem versunkenen Dorf befasst hat, weiss man, dass die Rettung, die Trina im Laufe des Buches anstrebt, umsonst war. Das Buch enthält sehr viele Beschreibungen von Diffamierungen, Hass gegenüber denen, die anders sind oder anders sein wollen, es ist eben ein typisches „Kriegsbuch“.

Das Buch ist in Briefform geschrieben. Trina berichtet ihre Geschichte an ihre für den Leser namenlose Tochter. Überhaupt sind sehr viele Menschen in dem Buch namenlos. Sie heißen beispielsweise „Mann mit Hut“, „die Alte“ oder „der Vater von Maria“. Mir hat sich bis zum Ende nicht erschlossen, wann jemand einen Namen bekommen hat und wann nicht. Ich muss leider sagen, dass ich die Umsetzung des Buches nicht sehr gelungen fand. Ich habe mich die meiste Zeit gelangweilt, obwohl ich das Thema eigentlich total interessant finde. Am Ende habe ich nur noch quer gelesen, weil ich die Geschichte des Dorfes nicht kannte und wissen wollte, wie es dazu kam, dass es so endet wie es eben endet. Der Autor hat für die Recherche mit den letzten Augenzeugen der damaligen Zeit gesprochen und ich vermute, dass er aus diesem Grund Trina als alte Frau ihrer Tochter hat Briefe schreiben lassen.

Eigentlich bin ich ganz froh, dass das Buch nur knapp 230 Seiten hat, denn ansonsten hätte ich es wohl abgebrochen und mich anderweitig über die damaligen Vorfälle informiert, beispielsweise hier.

Das Buch wurde mir von Netgalley und dem Diogenes Verlag zur Verfügung gestellt. Dies hat meine Meinung nicht beeinflusst.

Es gibt übrigens auch eine Mysteryserie mit dem Namen Curon (italienisch für Graun), die in diesem Ort spielt.

Das Buch beim Verlag – incl. Leseprobe.