Offene See – Benjamin Myers

„Damals wusste ich nicht, was Sprache vermag. Ich verstand die Macht, die Wirkungskraft von Worten noch nicht. Die komplexe Magie von Sprache war mir ebenso fremd wie das veränderte Land, das ich in jenem Sommer um mich herum sah.“

  • Originaltitel: The Offing
  • Übersetzer: Klaus Timmermann, Ulrike Wasel
  • Verlag: DuMont
  • Erscheinungsdatum: 20. März 2020
  • Seiten: 270 Seiten
  • ISBN:  978-3-8321-8119-2 (Hardcover gebunden)

Der Autor (Verlag):

Benjamin Myers, geboren 1976, ist Journalist und Schriftsteller. Myers hat nicht nur Romane, sondern auch Sachbücher und Lyrik geschrieben. Für seine Romane hat er mehrere Preise erhalten. Er lebt mit seiner Frau in Nordengland.

Klappentext (Verlag):

»Ein intensiver und bewegender Roman, der an J. L. Carrs ›Ein Monat auf dem Land‹ denken lässt.« The Guardian

Der junge Robert weiß schon früh, dass er wie alle Männer seiner Familie Bergarbeiter sein wird. Dabei ist ihm Enge ein Graus. Er liebt Natur und Bewegung, sehnt sich nach der Weite des Meeres. Daher beschließt er kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, sich zum Ort seiner Sehnsucht, der offenen See, aufzumachen. Fast am Ziel angekommen, lernt er eine ältere Frau kennen, die ihn auf eine Tasse Tee in ihr leicht heruntergekommenes Cottage einlädt. Eine Frau wie Dulcie hat er noch nie getroffen: unverheiratet, allein lebend, unkonventionell, mit sehr klaren und für ihn unerhörten Ansichten zu Ehe, Familie und Religion. Aus dem Nachmittag wird ein längerer Aufenthalt, und Robert lernt eine ihm vollkommen unbekannte Welt kennen. In den Gesprächen mit Dulcie wandelt sich sein von den Eltern geprägter Blick auf das Leben. Als Dank für ihre Großzügigkeit bietet er ihr seine Hilfe rund um das Cottage an. Doch als er eine wild wuchernde Hecke stutzen will, um den Blick auf das Meer freizulegen, verbietet sie das barsch. Ebenso ablehnend reagiert sie auf ein Manuskript mit Gedichten, das Robert findet. Gedichte, die Dulcie gewidmet sind, die sie aber auf keinen Fall lesen will.

Meine Meinung:

Nach ungefähr fünf Sätzen war ich schon rettungslos in das Buch verliebt. Benjamin Myers hat so einen wunderschönen bildlichen Sprachstil, dass ich die 270 Seiten deutlich langsamer lesen musste als üblicherweise.

Robert ist sechzehn als er beschließt, seiner Heimatstadt erst mal den Rücken zu kehren und auf Wanderschaft zu gehen. Er schlägt sich hier und da durch und landet am Ende bei der verschrobenen Dulcie. Die beiden freunden sich direkt an und helfen sich gegenseitig. Dulcie hilft Robert sich selber zu finden und Robert hilft ihr bei dabei eine schwierige Phase in ihrem Leben zu überwinden.

Das Buch hat mir total Lust gemacht, meine Wanderschuhe zu schnüren und einfach drauflos zu gehen soweit meine Beine mich tragen. Robert erzählt die Geschichte im hohen Alter und man merkt ihm sehr an, dass er wehmütig auf diese Zeit zurück sieht. Nicht nur er hatte Dulcie total gern, auch als Leser bleibt einem nichts anderes übrig als sie zu lieben. Sie ist ehrlich und direkt, denkt völlig anders als die meisten Menschen zu dieser Zeit und ist nicht berechnend. Alles was sie tut, tut sie, weil sie überzeugt ist, dass es genau jetzt und genau so richtig ist. Ihre Zuneigung zu Robert ist echt. So eine Freundin kann man sich eigentlich nur wünschen, denn sie gehört zu den Menschen, die ihr Gegenüber tatsächlich wahrnehmen und richtig zuhören statt sich nur oberflächlich mit demjenigen abzugeben.

Für mich ist der Hauptcharakter des Buches eindeutig Dulcie, weil sie so viel Raum in der Erzählung einnimmt, aber dabei niemals unangenehm wirkt. Robert ist der Erzähler, der allerdings so erzählt als wäre das Buch keine Fiktion, sondern als wäre alles tatsächlich geschehen. Für mich war das Buch zu keiner Zeit langweilig oder unangenehm, es war sogar zeitweise ziemlich spannend, weil der Leser erstnach und nach Dulcies Geschichte erfährt. Natürlich immer nur im gleichen Tempo wie Robert. Und ich kann euch sagen, dass die Erzählung einige Zeit in Anspruch genommen hat.

 Ich habe also zusammen mit Robert in seiner Hütte gesessen und ihm dabei zugehört, wie er in liebevollen Erinnerungen über Dulcie und ihrer gemeinsamen Zeit schwelgte. Außerdem habe ich jedes einzelne Wort eingesogen und genossen und ich bin mir sicher, dass ich mit „Offene See“ mein Monats- und vielleicht auch Jahreshighlight gefunden habe. Der Buchtitel schien mir erst mal ziemlich seltsam zu sein, aber im Laufe des Buches löst sich auf, warum es heißt wie es heißt.

Ich kann das Buch absolut jedem empfehlen, weil ich möchte, dass so viele Menschen wie möglich es lesen und es dann genauso genießen wie ich. Vor dem Lesen sollte man sich aber im Klaren darüber sein, dass Myers zu den Autoren gehört, der Bandwurmsätze auf die Welt loslässt. Hier ein Beispiel: „In dem Moment entfalteten sich neue Gefühle von Verwirrung und Neugier in mir, vor allem jedoch ein überwältigendes, mächtiges Bewusstsein für den Raum, diesen Raum im Hier und Jetzt, als wären die Wörter über die Seite gekrochen und vom Papier gefallen und hätten mich umschlungen wie Ranken, die mich zurück in das Gedicht zogen, sodass die erdachten Zeilen und die reale Welt irgendwie zu einem tieferen Porträit von Land und Meer verschmolzen.“

Der Autor hat schon einige Bücher geschrieben, allerdings wurden bis auf die „Bad Tuesdays“ Reihe keine weiteren Bücher ins Deutsche übersetzt.

Das Buch wurde mir vom DuMont Verlag und von Netgalley zur Verfügung gestellt. Dies hat meine Meinung nicht beeinflusst.

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Leseprobe auf der Seite des Verlages

Die Tribute von Panem X: Das Lied von Vogel und Schlange – Suzanne Collins

„Snow landet immer oben.“

  • Originaltitel: The Ballad of Songbirds and Snakes
  • Übersetzer: Peter Klöss, Sylke Hachmeister
  • Verlag: Verlag Friedrich Oetinger
  • Erscheinungsdatum: 19. Mai 2020
  • Seiten: 608 Seiten
  • ISBN:  978-3789120022 (Hardcover)

Die Autorin (Verlag):

Suzanne Collins, 1962 geboren, begann ihre Karriere Anfang der 90er-Jahre als Drehbuchautorin für das amerikanische Kinderfernsehen. 2003 veröffentlichte sie mit dem Roman »Gregor und die graue Prophezeiung« den ersten Band einer fünfteiligen Abenteuer-Reihe, die sich schnell zum internationalen Bestseller entwickelte.

2009 erschien »Die Tribute von Panem. Tödliche Spiele« und erwies sich als Senkrechtstarter. Die packende Gesellschaftsutopie fesselte Leser in der ganzen Welt, errang die ersten Plätze der Beststellerlisten in den führenden Medien der USA, erntete begeisterte Kommentare von Autoren-Kollegen wie Stephenie Meyer und Stephen King und etablierte Suzanne Collins endgültig als internationale Starautorin. Time Magazine wählte Suzanne Collins auf die Liste der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten 2010. In Deutschland wurde »Die Tribute von Panem. Tödliche Spiele« mit dem Jugendliteraturpreis 2010 ausgezeichnet. Aus der Begründung der Jugendjury: „Brandaktuelle Fragen entflammen im Kopf des Lesers: Wie abhängig bin ich in der Mediengesellschaft von meinem Bild in der Öffentlichkeit? Wie kann ich ich selbst bleiben ohne mich im Surrealen zu verlieren? Wie erschreckend ähnlich ist die fiktive Gesellschaft Panems schon der unseren?“

Der zweite Band »Die Tribute von Panem. Gefährliche Liebe« eroberte sowohl in den USA als in Deutschland die Bestsellerlisten und auch der dritte und damit letzte Teil der Trilogie, im August 2010 in den USA erschienen, sprang sofort von 0 auf Platz 1! Als Blockbuster hat sich die Verfilmung mit Staraufgebot – Jennifer Lawrence, Liam Hemsworth, Elizabeth Banks, Stanley Tucci, Woody Harrelson, Lenny Kravitz, Donald Sutherland u.v.a. – erwiesen: „The Hunger Games. Die Tribute von Panem“ startete im Frühjahr 2012 in den Kinos und schon bald darauf hatte die Besucherzahl die Millionengrenze überschritten. Gleichzeitig rangieren die Buchausgaben unverändert auf den vorderen Plätzen der Bestsellerlisten: der beispiellose Erfolg einer Autorin, die den Nerv der Zeit getroffen hat! Möge das Glück stets mit ihr sein!

Klappentext (Verlag):

Rivalität beflügelt ihn.

Aber Macht hat ihren Preis.

Es ist der Morgen der Ernte der zehnten Hungerspiele. Im Kapitol macht sich der 18-jährige Coriolanus Snow bereit, als Mentor bei den Hungerspielen zu Ruhm und Ehre zu gelangen. Die einst mächtige Familie Snow durchlebt schwere Zeiten und ihr Schicksal hängt davon ab, ob es Coriolanus gelingt, seine Konkurrenten zu übertrumpfen und auszustechen und Mentor des siegreichen Tributs zu werden.

Die Chancen stehen jedoch schlecht. Er hat die demütigende Aufgabe bekommen, ausgerechnet dem weiblichen Tribut aus dem heruntergekommenen Distrikt 12 als Mentor zur Seite zu stehen: Lucy Gray, das Mädchen im Regenbogenkleid, das zwar singen kann, aber für den Kampf ungeeignet zu sein scheint. Jede Entscheidung, die Coriolanus trifft, könnte über Erfolg oder Misserfolg seines zukünftigen Lebens entscheiden und Lucys Leben vorzeitig beenden. Es beginnt ein brutaler Kampf in der Arena, bei dem Coriolanus schnell feststellt, dass sein Schicksal untrennbar mit Lucy Grays verbunden ist.

Meine Meinung:

Als großer Fan der Panem-Trilogie musste ich einfach wissen, warum Coriolanus Snow zu dem Fiesling wurde, den man aus den vorher erschienenen Teilen kannte. Mir war nicht bewusst, dass ich als Leser die meiste Zeit des Geschehens mit ihm sympathisieren würde. Snow und seine Verwandlung wird von Suzanne Collins sehr überzeugend dargestellt. Der Untertitel des Buches „Das Lied von Vogel und Schlange“ macht im Übrigen auch total Sinn, wenn man das Buch kennt.

Das Buch beginnt zehn Jahre nach dem Ende des Krieges und dem Einblick in die verarmte Familie Snow, die ihr Penthouse, die schönen Klamotten und die Rosenzucht der Großmadame nur noch für die Aufrechterhaltung des schönen Scheins behalten. Die Familie besteht nur noch aus der Großmadame, Cousine Tigris und aus Coriolanus. Er ist zu dem Zeitpunkt 18 Jahre alt. Die Begleitung der Tribute durch einen Mentor wird nun, zehn Jahre nach den ersten Hungerspielen, als Experiment durchgeführt. Dadurch sollen die Hungerspiele zu einem interessanteren Event hochgepusht werden, so dass sie im Kapitol und auch in den Distrikten von allen Einwohnern verfolgt werden. Immerhin möchte die Regierung, dass den Distriktbewohnern klar wird, dass es sich hier um eine Strafe handelt, die gegen die Rebellen ausgeführt wird, weil sie den Krieg angezettelt haben. Coriolanus bleibt nur eine Möglichkeit: Er muss durch sein Tribut Lucy Gray die Hungerspiele gewinnen um die Familie zu rehabilitieren, denn bei einem Sieg winkt ihm ein großer Gewinn und auch die Aufmerksamkeit, die ihm (wie er glaubt) zusteht. Aber wie soll das gehen mit einem Mädchen, dass schon ihr Leben lang die Bühne gewohnt ist und von Kämpfen keine Ahnung hat?

Von Anfang an tat mir Coriolanus richtig leid. Er versucht mit aller Macht die Familie Snow und das was sie zu sein scheinen aufrecht zu erhalten, aber eigentlich steht die Familie vor dem Ruin. Er hat sein ganzes Leben lang eingebläut bekommen, dass diese Familie etwas Besonderes ist und das Verhalten seiner Großmadame macht es auch nicht besser. Jeden Tag singt sie die Hymne des Kapitols und redet von den großen Tagen der Snows und wie widerwärtig die Menschen aus den Distrikten sind. Coriolanus verabscheut diese Menschen daher auf eine Art, aber irgendwie scheint er sie doch nicht so abstoßend zu finden. Eine besondere Beziehung hat er zu Sejanus Plinth, der eigentlich aus dem Distrikt 2 kommt, aber im Kapitol lebt. Und dann ist da noch Dr. Gaul, die Oberste Spielemacherin, die total sadistisch ist und jede Idee von Coriolanus dankbar aufnimmt. Sie fördert ihn sogar noch und stachelt ihn an.

Der Schreibstil ist genauso, wie man es von der Panem-Trilogie schon gewohnt ist. Ziemlich direkt und es gibt zwar ein paar brutale Szenen, die aber nicht das Geschehen dominieren. Panem, wie es zehn Jahre nach dem Krieg aussieht und wie sich die Bewohner fühlen und wie sie handeln, wurde von der Autorin ziemlich gut durchdacht. Da das Buch aus Coriolanus Perspektive geschrieben ist, erfährt der Leser viel über seine Gedanken und die sind ziemlich widersprüchlich, zumindest am Anfang.

Wer glaubt, dass er jetzt einen Abklatsch von der Panem-Trilogie vor sich hat, weil die Autorin Geld oder Aufmerksamkeit braucht, liegt falsch. Der Focus ist hier nicht auf die Hungerspiele gerichtet, sondern auf den späteren Präsidenten Snow und seinem Werdegang. Ich fand das ganz angenehm so, denn einen vierten Teil der fast ausschließlich das Abschlachten der Tribute in der Arena zum Thema gehabt hätte, wäre für mich absolut nicht erträglich gewesen. Tatsächlich spielt etwa nur ein Drittel des Geschehens in der Arena, die zu dem Zeitpunkt nicht mal annähernd die Arena ist, die man aus der Trilogie kennt.

Für Fans der Trilogie ist die Vorgeschichte auf jeden Fall eine sinnvolle Ergänzung und genau diesen Lesern möchte ich das Buch wärmstens empfehlen.

Eine Leseprobe und einen Auszug aus dem Hörbuch findet ihr auf der Seite des Verlages.